Die Odenwälder Zigarrenmacher


(von Manfred Kassimir)
Die Geschichte der Zigarre
Die exakte geografische und historische Herkunft der Zigarre ist nicht genau nachvollziehbar. Vermutlich fand Tabak bereits vor Jahrtausenden in SĂĽdamerika als Genussmittel und fĂĽr spirituelle Zwecke Verwendung.
Bereits Kolumbus soll auf der Suche nach neuen Handelswegen und Kontinenten auf Kuba mit Tabak in BerĂĽhrung gekommen sein.
Die weltweite Verbreitung des Tabaks geht auf die Kolonialzeit zurĂĽck. Im 18. Jahrhundert brachten britische Soldaten die Tabakpflanze in ihr Kolonialgebiet Nordamerika, wo die Pflanze auf groĂźen Plantagen angebaut wurde.
Ab dem 19. Jahrhundert war der Tabakkonsum so weit verbreitet, dass daraus eine richtige Industrie entstand.
FĂĽr die Herstellung von Zigarren entwickelten sich richtige Industriestandorte, bis diese Anfang des 20. Jahrhunderts durch die billigere Zigarette groĂźe Konkurrenz erhielten. Der Zigarrenkonsum ging stark zurĂĽck. 1990 setzte wieder eine starke Renaissance der Zigarre ein.

Eine Zigarre ist ein aus Tabakblättern gerolltes Genussmittel, das geraucht wird. Sie besteht aus getrockneten, fermentierten Tabakblättern, die von einem Umblatt und einem Deckblatt umschlossen ist. Eine abschließende Banderole, oder auch Bauchbinde genannt, vervollständigt das Aussehen der Zigarre und weist auf ihre Herkunft hin.
Das Rauchen einer Zigarre, insbesondere der hochwertigen „Habanos“, finden in allen Gesellschaftsschichten ihre Liebhaber.
Wie kam die Zigarrenindustrie in den Odenwald?
Nachweislich wurden die ersten Zigarren 1788 in Deutschland hergestellt. Der Fabrikant Heinrich Schlottermann grĂĽndete in Hamburg die erste deutsche Zigarrenfabrik.
Für den Odenwald, insbesondere für den Bereich des heutigen Bad König, sind keine verbindlichen Daten vorhanden.
Wurden in Bad König zunächst Zigarren in Heimarbeit hergestellt (belegt ab 1861), siedelten sich in der Folgezeit nach und nach größere Firmen aus Norddeutschland, vorwiegend aus Hamburg, in Bad König an um hier ihre Zigarren herstellen zu lassen.
Die GrĂĽnde dafĂĽr lagen auf der Hand:
• Es standen ungelernte Arbeitskräfte zur Verfügung
• Die Arbeitskräfte aus dem Odenwald waren wesentlich billiger
• Die neu eröffnete Odenwaldbahn vervollständigte den vorteilhaften Standort als billiges Transportmittel.

So siedelten sich die Zigarrenhersteller
• Hofmann-Fabrik in der Friedrich Ebert Straße
• Wenk-Fabrik in der Waldstraße
• Hamburger Fabrik in der Kimbacher Straße
an, um hier nur die größten Zigarrenfabriken zu benennen.

Nebenbei wurden aber immer noch viele Zigarren in Heimarbeit hergestellt, da sich die Fabrikarbeiter nach 10-stĂĽndiger Arbeit weitere Arbeit mit nach Hause nahmen und sich dadurch noch ein Zubrot hinzu verdienten.
Den eigentlichen Beruf des Zigarrenmachers gab es im Odenwald nicht, bzw. er war hier sehr selten. Voraussetzung fĂĽr die Arbeit eines Zigarrendrehers oder Wicklers waren Geschick und flinke Finger. Wollte man den richtigen Beruf des Zigarrenmachers erlernen, bedeutete dies eine Lehrzeit von 2-3 Jahren, was eine Tabak- und Farbkunde voraussetzte.
Der Verdienst eines Zigarrenwicklers betrug rund 7 Mark, der eines Zigarrenmachers etwa 13 Mark Wochenlohn.
Im Vergleich dazu kosteten ein Paar Schuhe 14 Mark, 1 Glas Bier 10 Pfennig, die Jahresmiete einer Wohnung im Durchschnitt 60 Mark.
Mit dem kargen Wochenlohn war es für einen Zigarrenwickler alleine nicht möglich, eine Familie zu ernähren. So betrieb der Zigarrenwickler im Nebenerwerb noch eine kleine Landwirtschaft mit einer Kuh, einem Schwein und Kartoffelanbau oder er verdingte sich in der Erntezeit als Erntehelfer.

Woher kam der Tabak?
Findet heute der Rohtabakanbau überwiegend in Süd- und Mittelamerika und der Karibik statt, so waren die Herkunftsländer früher auch Holland, die Pfalz, die Bergstraße und das Gebiet um die Ortschaft Hettigenbeuern bei Walldürn.
Aber auch im Odenwald gab es bestimmte Gebiete, in denen Tabakanbau möglich war. Die geernteten Tabakblätter wurden in Scheunen zum Trocknen aufgehängt. Sinnigerweise kam hier der Ausdruck
„Scheuerbambel“
zustande.
Die zum Trocknen der Tabakblätter vorgesehenen Scheunen hatten ein besonderes Aussehen. Sie wurden in Ständerbauweise errichtet und waren in der Regel mehrstöckig. Die Außenfassade bestand aus fest verbauten Holzbrettern und in gewissen Abständen bewegliche Holzlamellen. Durch die Holzlamellen konnte die Luftzirkulation im Inneren des Schuppens geregelt werden. Ein Lichteinfall, der die Qualität der Tabakblätter herab gesetzt hätte, wurde dadurch vermieden. Über die Bauweise eines Tabakschuppens wurde bereits 1852 von August Freiherr von Babo berichtet. Hier wurden genaue Bauanweisungen für den idealen Bau einen Tabakschuppens aufgezeigt (Elsässer Schuppen).
Die Verarbeitung des Rohtabaks
Um die Tabakblätter zu einer Zigarre werden zu lassen, waren insgesamt 3 Arbeitsgänge nötig.
• Das Zurichten des Tabakblattes
• Das Anfertigen der Zigarre
• Das Sortieren, Pressen und Verpacken.
Zunächst werden die Tabakblätter einer Trocknung unterzogen. Anschließend werden die Blätter fermentiert, d. h., es erfolgt eine biologische Umsetzung durch Pilze, Bakterien und Enzyme. Dieser Vorgang unterliegt einer ständigen Überwachung um ein Verrotten der Blätter zu verhindern. Durch das Fermentieren entstehen die spezifischen Aromen der Zigarre.
Ist die Fermentierung abgeschlossen, werden die Tabakblätter angefeuchtet und später nach ihrer Bestimmung – Einlage-Umblatt-Deckblatt – sortiert.
Dem Meister des Betriebes obliegt es, den Kundenwünschen entsprechend die Tabakmischung zusammen zu stellen. Nur die edelsten Tabakblätter finden für die Herstellung einer Zigarre Verwendung. Die Tabakblätter werden entrippt, d. h., die Mittelrippe des Blattes wird entfernt. Im Odenwald wurde diese einfache Arbeit den Hausfrauen oder Kindern überlassen. Nach dem Entrippen werden die Deckblätter als letztes äußeres Formblatt ausgewählt, angefeuchtet, in ein Tuch eingewickelt, in einer Spindelpresse leicht gepresst und zur Seite gelegt.
Nun wird die Tabakeinlage zusammengestellt und getrocknet. Die getrocknete Einlage wird anschließend zu einer Art „Puppe“ geformt und mit einem Umblatt umwickelt. Das Umblatt ist ein Tabakblatt, das die Tabakeinlage einschließt und in Form hält und wird auch als „Wickel“ bezeichnet. Bei der Arbeit des Formens ist darauf zu achten, dass in der Tabakeinlage Luftkanäle erhalten bleiben um später den Zug der Zigarre zu ermöglichen.
Mittels einer Holzform mit Deckel wird die so gerollte Zigarre gepresst und damit in die gewĂĽnschte Form gebracht.
Nun beginnt die Arbeit des gelernten Zigarrenmachers. Dieser sucht für die Zigarre ein geeignetes Deckblatt aus. Mit einer Art Wiegemesser wird das Deckblatt zugeschnitten und um die handgedrehte Zigarre gewunden. Im späteren Mundbereich läuft die Zigarre rund aus, an dem Anzündende spitz.
Es genügt ein Tabakblatt z. B. „Havanna“ in die die Zigarre eingewickelt ist, um diese später unter diesem Namen in den Verkauf zu bringen.
Ist die Zigarre fertig gestellt, wird sie zunächst einer Kontrolle unterzogen und nach Aussehen und Farbe sortiert, wozu viel Farbsinn und Erfahrung notwendig sind. Die Zigarren werden in drei Hauptgruppen unterteilt:

• Brasil
• Havanna
• Mexico

Innerhalb dieser Gruppen wird nach den Farbschattierungen von hell nach dunkel sortiert. Die Farbscala reicht von Claro, Colorado-Claro, Colorado, Maduro und Oscuro, wobei Claro die hellste und Colorado die dunkelste Farbschattierung ist.
Die Zigarre, deren Deckblatt fleckig ist, wird als „Fehlfarbe“ bezeichnet und ist entsprechend billiger.
Die durchsortierten Zigarren werden nun in 2 Schichten in Zigarrenkisten verpackt, gedeckelt und gepresst, die so genannte „Sattelpressung“.
Nach der Pressung werden die Zigarren wieder entnommen und mit einer Banderole, die Hersteller, Herkunft und über die Qualität der Zigarre Auskunft gibt, versehen. So gekennzeichnet, werden die Zigarren wieder in die Zigarrenkiste gelegt und der Deckel vernagelt. Über dem Deckel und einer Seitenwand wird ebenfalls eine Banderole angebracht. Die Kiste ist somit versiegelt. So wird die Zigarre gelagert, bis sie zum Verkauf kommt, d. h., z. B. bei einer Brasil ¼ Jahr Lagerzeit.
Die Erfindung der Wickelmaschine brachte eine große Revolution in die bis dahin erbrachte reine Handwerksarbeit. Mit der Wickelmaschine, das so genannte „Pennal“ brachte es man zu einer Wochenproduktion von bis zu 2500 Stück Zigarren.

Das Anfertigen der Pennal-Zigarren
Der Arbeitstisch eines Wickelmachers ist folgendermaĂźen aufgebaut:
Ein Holzbrett und ein Stapel Umblätter liegen links und rechts der Einlage. Eine Tasse Kleister steht hinter dem Holzbrett. Ein Umblatt wird auf dem Holzbrett ausgebreitet. Die Einlage wird auf das Umblatt aufgebracht und mit beiden Händen zu einer „Puppenform“ gerollt. Auf das seitliche Ende des Umblattes wird Kleister aufgebracht. Die fertige „Puppe“ wird an beiden Enden etwas gestutzt und stramm in Wickelpapier eingerollt. Nach einer Warte- und Trocknungszeit wird das Wickelpapiere entfernt und der Rohling in die Pennale gestellt. Zuvor wurde das Brandende mit einem Tabakmesser geschnitten. Die gedrechselte Holzhülse gibt der Zigarre die endgültige Form. Das Deckblatt, das sich zugeschnitten nach oben hin verjüngt, wird spiralförmig um die Zigarre gewickelt und am Ende fahnenmäßig zugeschnitten. Die Fahne wird mit Kleister bestrichen und über das Mundstück gelegt. Eine Holztülle wird über das Mundstück gestülpt und leicht gedreht. Damit wird das Mundstück verfestigt. Mit einer Schneidemaschine wird die Zigarre auf die entsprechende Länge zurecht gestutzt. Die abgeschnittenen Reste kommen als Einlage wieder zur Verwertung.
Die Odenwälder Fabrikarbeiter arbeiteten zusammen in einem Raum. Es wurde im Akkord gearbeitet. Zusätzlich zu den Zigarrendrehern kam noch ein Vorleser hinzu, der die Berichte der Tageszeitung laut vorlas. Später wurde dieser beim Aufkommen des Rundfunks durch das Radio ersetzt.
Die standardisierte Herstellung der Zigarren durch die Wickelmaschine brachte aber auch Nachteile mit sich. Die Wickelmaschine war nicht in der Lage die traditionelle Form der Zigarre zu produzieren (Mundstück rund, Anzündseite spitz). Wer also auf eine wirklich „Gute Zigarre“ Wert legte, blieb Freund des handgedrehten Produkts.
Die maschinengefertigten Zigarren wurden vielerorts abwertend als „Stumpen“ bezeichnet.

Landläufig wird das Rauchen einer Zigarre auch als „Paffen“ bezeichnet. Dieser Ausdruck rührt daher, dass der Rauch der Zigarre nicht in die Lunge eingezogen wird sondern in der Mundhöhle verbleibt und nach geraumer Zeit wieder ausgeblasen wird.

Auch das Entzünden einer Zigarre und die passende Anziehtechnik ist ein Ritual, das den passionierten Zigarrenraucher ausmacht. Das Entzünden einer Zigarre erfolgt entweder über einen brennenden Holzspan oder über ein Gasfeuerzeug – niemals mittels eines Streichholzes oder eines Benzinfeuerzeuges.
Beim Anschnitt der Zigarre wird am Mundstück ein passendes Loch geschnitten, durch das Rauch in die Mundhöhle gelangt. Beim Rauchen ist darauf zu achten, dass der Zug nicht zu fest erfolgt, denn dadurch erhöht sich die Temperatur der Glut und diese beeinflusst das Raucharoma der Zigarre.

Der Untergang der Königer Zigarrenindustrie
Kamen die ersten großen Zigarrenproduzenten aus Hamburg und auch aus dem süddeutschen Raum um die hier ansässigen billigen Arbeitskräfte zu nutzen, so erfuhren diese Betriebe auch Rückschläge, die den Absatz der Zigarrenproduktion erschwerten. Steuererhöhungen, bereits 1879 und 1909 brachten erhebliche Einbußen im Absatz der Zigarren und belasteten im entsprechenden Ausmaß auch den Arbeitsmarkt. Zigarren wurden auf Vorrat produziert oder die Arbeiter erhielten lediglich Eine Halbtagsbeschäftigung. Vielerorts mussten Arbeitskräfte sogar entlassen werden oder die Firma stellte ihre Produktion ganz ein.
Der 1. Weltkrieg mit erhöhten Einfuhrzöllen auf den Rohtabak tat ihr Übriges. Zur Tabaksteuer kam die so genannte Banderolensteuer hinzu, d. h., eine 10 Pfennig Zigarre erhielt einen Teuerungszuschlag in Höhe von 2 Pfennig, was den Zigarrenkonsum erheblich verteuerte und zurück gehen ließ.
1936 wurde die letzte große Zigarrenfabrik in Bad König geschlossen. Kleinere Firmen oder Einzelpersonen, die Marktnischen bedienten, konnten sich noch bis Ende des 2. Weltkrieges über Wasser halten.
In der Hochzeit der Zigarrenproduktion waren bis zu 20 Betriebe im Großraum König ansässig und boten 1000 Arbeitern Beschäftigung. Heute ist der Berufszweig der Zigarrendreher im Odenwald gänzlich verschwunden.
AussprĂĽche der Zigarrendreher, die im Odenwald kursierten, sollen nicht vorenthalten werden:
„Alkohol und Nikotin,
rafft die halbe Menschheit hin.
Ohne Alkohol und Rauch,
stirbt die andre Hälfte auch!“



„Zigarren und die Mädchen
Die sind einander gleich.
Die eine, die ist schief gewickelt,
die andre harte,
die andre weich.“

Quelle:

Hermann Dettmer Herstellung v. Zigarren in Handarbeit
Arnold Lühning Herstellung v. Zigarren – Institut für wissenschtl. Film Göttingen
Otto Pichl Die Heimat –Jahrgang 1968
Hans Otto Pichl Gelurt 2005
Wikipedia Internet
Manfred Kassimir Text und Bilder
Ein Dank gilt dem Heimatmuseum Bad König, das seine Exponate zur fotografischen Untermalung bereitstellte.