Die Odenwälder Zapfenplücker


(von Manfred Kassimir)

“UT SEMEN FECERIES ITA METES“
“Wie Du den Samen bereitest, so wirst Du ernten”
(Zitat unbekannt)

Der Beruf des Zapfenpflückers ist überwiegend im Odenwald heimisch. Vom Odenwald aus schwärmen die dort beheimateten Zapfenpflücker aus, sogar über die Grenzen von Deutschland hinaus, um wertvolles Saatgut aus den Baumwipfeln zu ernten. Heute existieren noch ca. 10 hauptberufliche Zapfenpflücker, die diesem gefährlichen Gewerbe in schwindelnder Höhe nachgehen.
Um zu dem Ursprung des Berufes der Zapfenpflücker zu kommen, muss man weit in die Geschichte Mitteleuropas zurückblicken. Im Mittelalter wurde die Kapazität der sich frei entwickelnden Wälder, bedingt durch massiven Bergwerkbau und damit einher gehend die Verhüttung des gewonnenen Erzes, sowie des Schiffsbaus, überstrapaziert.
Einzelne aufgeklärte Landesfürsten erkannten die Gefahr des Verödens weiter Landstriche, beim fortschreitenden unkontrollierten Raubbau des Waldes.
Eine Forstwirtschaft im heutigen Sinne existierte zu dieser Zeit noch nicht. Die Fortpflanzung des Waldes wurde sich weitestgehend diesem selbst überlassen.
Erste Bemühungen, dem Raubbau an Holz entgegen zu wirken, wurden durch den Rats- und Handelsherrn Peter Stromer aus Nürnberg in die Wege geleitet. Peter Stromer säte im Jahr 1368 erstmals eigenhändig Fichtensamen auf Ödflächen aus und hatte damit Erfolg. Andere Waldbesitzer machten sich die Erfahrung, die Peter Stromer mit der Aufzucht der Setzlinge gesammelt hatte, zu Eigen. Insbesondere Nadelholz wurde für die Anlegung ganzer Wälder ausgewählt.
Weitere urkundlich belegbare Bestrebungen, dem unkontrollierten Abholzen von Wäldern entgegen zu treten, ist aus dem Jahr 1442 mit einer Urkunde des Bistums Speyer belegt, das besagt, dass nur soviel Holz eingeschlagen werden darf, wie auch zur Wiederaufforstung zur Verfügung gestellt wird. Der Grundsatz der Forstnachhaltigkeit war damit gelegt, ohne dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Sprachgebrauch mit einfloss.
Weitere Regelwerke, wie z. B. das Ratskanzleischreiben der Stadt Reichenhall von 1661, weisen daraufhin, dass das allgemeine Problem der Waldbewirtschaftung erkannt war und demzufolge eine Gegensteuerung stattfand.
Immer wiederkehrende kriegerische Ereignisse ließen diese, den Wald schonende Bestimmungen, zeitweilig wieder in den Hintergrund treten.
Der eigentliche Begriff „Nachhaltigkeit in der Forstwirtschaft“ wurde von Carl von Carolewitz (Oberberghauptmann von Kursachsen) 1713 eingeführt, der feststellte, dass eine nachhaltige und beständige Wiederanpflanzung von Wildbäumen für den fortschreitenden Holzbedarf zwingend erforderlich war.
War die Nachhaltigkeit des Wiederaufforstens zunächst auf die wirtschaftliche Begründung ausgelegt, so kamen im Laufe der nachfolgenden Jahrhunderte auch noch die Aspekte der ethischen und ästhetischen Überlegungen hinzu, die über die Denkweise mehrerer Menschengenerationen hinausgingen.
Auch die heutige Generation hat sich der Nachhaltigkeit des Forstes angenommen und die so genannte „Helsinki-Resolution“ verabschiedet, die aussagt, dass „die Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft aus ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Sicht betrachtet werden muss ohne anderen Öko-Systemen Schaden zuzufügen“.
Je mehr die Nachhaltigkeit an Bedeutung gewann, umso mehr wurden Menschen gebraucht, die den Bedarf an Samen decken konnten. Aus diesem Bedürfnis heraus entwickelte sich der Beruf des Tannenzapfenpflückers. Dieser Beruf wurde innerhalb er Familie von Generation zu Generation weiter gereicht.
Der Beruf des Tannenzapfenpflückers darf aber nicht so gesehen werden, dass dies ein Ausbildungsberuf in herkömmlichem Sinne darstellt. Die Ausübung des Berufes ist vielmehr mit Jahrzehnte langer Erfahrung verknüpft, die in der Regel von dem Vater auf den Sohn übertragen wird.
Anfänglich war der Beruf des Zapfenpflückers noch Saisonarbeit. Der Zapfenpflücker ging üblicherweise noch einem anderen Beruf nach, wie z. B. eines Maurers oder Zimmermanns alles Berufe, die im Winter nicht oder nur schwer ausführbar waren, oder Kleinlandwirte. Mittlerweile existieren in der heutigen Zeit noch ca. 10 Zapfenpflücker in Deutschland, die diesen Beruf hauptberuflich ausüben. Fast das ganze Jahr über, auch in der kalten Jahreszeit, gehen sie ihrem Beruf nach. Die Ausübung des Berufs beschränkt sich in diesem Fall nicht mehr nur noch auf das Pflücken von Tannen- oder Fichtenzapfen. Vielmehr werden durch die Zapfenpflücker alle Arten von Wildbäumen (z. B. Wildkirschen, Buchen, Roterlen, Ahorn) und Strauchgewächsen geerntet um der Vielfältigkeit und der geforderten Artenvielfalt genüge zu tun.
Die Arbeit der Zapfenpflücker ist mittlerweile einem sehr großen Regelement unterworfen.
Durch die Forstbehörden werden nur ausgesuchte Gebiete und deren Bestände für die gewerbliche Samengewinnung frei gegeben. Diese Gebiete erhalten eine entsprechende Zertifizierung aus der hervor geht, welchem Gebiet der geerntete Samen entstammt.
Diese Maßnahme ist nachvollziehbar, denn es sollen nur der Samen bzw. der Setzling dort Verwendung finden, wo er aufgrund der Beschaffenheit des Bodens und des Klimas auch die besten Entwicklungschancen hat. Insbesondere werden die Samen bzw. die Setzlinge wieder an ihrem Herkunftsort eingepflanzt oder dort, wo die gleiche Bodenbeschaffenheit vorliegt und die klimatischen Verhältnisse stimmen.
In den bezeichneten Gebieten werden durch die Forstverwaltung die zu beernteten Bäume nach weiteren Kriterien, wie z. B. die Widerstandskraft oder der Wachstum, bestimmt. Um die genetischen Voraussetzungen zu erfüllen, müssen mindesten 20 artgleiche Bäume aus dem bezeichneten Gebiet beerntet werden.
Der geerntete Samen wird noch vor Ort begutachtet, gewogen, verpackt und verplombt. Der Weg der verplombten Ernte führt schließlich in die so genannte „Samendarre“, die für die weitere Aufbereitung des Samens verantwortlich ist.
Das 18. und 19 Jahrhundert ist die große Zeit der großen Wiederaufforstung. Damit begann auch der Beruf des Zapfenpflückers an Bedeutung zu gewinnen.
Insbesondere im Odenwald, und hier das Gebiet um Kirchzell, Eichenbühl und Lützelbach zu nennen, wurde der Beruf des Zapfenpflückers heimisch, denn die arme Bevölkerung musste ihre wirtschaftliche Existenz sichern. Das Sammeln von Samen und Pflücken von Zapfen war hier ein willkommener Nebenverdienst. Vom Odenwald aus reisten die Zapfenpflücker durch ganz Deutschland und auch über die Grenzen Deutschlands hinweg in die benachbarten, meist Nord- oder osteuropäischen Länder, um Samen bestimmter Bäume zu ernten.

Wenn der Zapfen sich „einpecht“ ist es soweit. Der Zapfen ist reif für die Ernte. „Eingepecht“ bedeutet, dass der Samen sich langsam aus den Schuppen des Zapfens zu lösen beginnt. Damit beginnt die Arbeit des Zapfenpflückers. Zunächst werden ein oder mehrerer Zapfen einer Querschnittprobe unterzogen. Der Zapfen wird der Länge nach aufgeschnitten um einen Überblick über die eingelagerten Samen zu erhalten. Ist die Rentabilität festgestellt, kann die eigentliche Arbeit, eine gefährliche aber auch lohnende Arbeit des Zapfenpflückers beginnen.
Im Odenwälder Volksmund werden die Tannenzapfenpflücker auch als „Tannenebbelbrecher“ oder „Zapfenzupfer“ bezeichnet. Zu den Eigenschaften eines Zapfenpflückers gehören absolute Schwindelfreiheit, Geschicklichkeit, körperliche Gewandtheit und eine sehr gute Kondition.

Die Ausrüstung des Zapfenpflückers:
  • Feste Bergschuhe aus Leder
  • Steigeisen (so genannten Gust) mit Lederriemenbindung
  • Sicherungsseil
  • Kletterseil
  • Jutesack (Brechsack, auch Butzelsack genannt) meist ausgediente Kaffeebohnensäcke
  • Ca. 3 Meter lange Stange mit aufgeschraubten Eisenhaken (Brechhaken, auch Hokke genannt)
  • Schutzhelm.
Beerntet werden in der Regel Bäume, die ein Mindestalter von 40 Jahren erreicht haben. Die Arbeitshöhe in den Kronen der Bäume liegt bei ca. 40 Metern. Aber auch Bäume, die eine Höhe von 60 Metern erreicht haben, sind keine Seltenheit.
Legt der Zapfenpflücker die ersten 3-4 Meter an dem Baumstamm mit einer Leiter zurück, ist er darüber hinaus auf seine Kletterkünste, seine Steigeisen und das Kletterseil angewiesen. Die von den Zapfenpflückern benutzten Steigeisen werden nach eigenen Erfordernissen und Weisungen in einer Eisenschmiede in Kirchzell hergestellt. Die Steigeisen weisen an dem vom Fuß abgewandten Teil einen langen, spitzen Dorn auf, der beim Besteigen des Baumes in die Rinde des Baumes gedrückt wird. Mittels Lederriemen werden die Steigeisen am Schuh und Unterschenkel fixiert. Die Grundform der Kirchzeller Steigeisen ist seit rund 150 Jahren unverändert geblieben. Erfinder diesen speziellen Steigeisen ist der Schmied Josef Throm.
Unter Zuhilfenahme dieser Steigeisen steigt der Zapfenpflücker bis in die Kronen der Bäume. Hat er die entsprechende Höhe erreicht, klammert er sich mit beiden Beinen noch zusätzlich am Baumstamm fest. Mittels einer mitgeführten Stange (Hokke), an deren vorderen Ende ein Widerhaken aus Metall befestigt ist, werden die Zapfen tragende Äste heran gezogen und mit der Hand gepflückt. Die gepflückten Zapfen wandern in den mitgeführten Jutesack. Ist dieser Sack gefüllt, wird er noch im Baum mit einer Schnur fest zu gebunden und mit dem Ausruf

„Achtung, Sack fällt“

auf den Boden fallen lassen.
In der Anfangszeit der Zapfenpflücker hat es sich der Pflücker erspart, nach Aberntung eines Baumes von diesem herunter zu klettern um den nächsten Baum zu erklimmen.
Mittels seiner mitgeführten Stange, die er mit dem Widerhaken im nächsten Baum verhakte, schwang er sich so zu dem nächsten Baum um dort seine Ernte weiter fort zu setzen.
Wie man sich denken kann, kam es hier auch zu folgeschweren Unfällen. Um diesen bösen Folgen vorzubeugen, wurden von der heutigen Berufsgenossenschaft Bestimmungen erlassen, die das Überschwingen von einem Baum zum anderen verbieten. Weitere Vorschriften, wie z. B. das Nutzen von einem Sicherungsseil, kamen hinzu. Mittlerweile stehen die Baumbestände auch in größeren Abständen zueinander, so dass alleine dieser Umstand ein Überschwingen von Baum zu Baum nahezu unmöglich macht.
Aber auch heute noch ist die Ausübung des Berufes eine gefährliche Angelegenheit – denn Witterungseinflüsse sind nicht immer berechenbar.
Für Laubbäume nehmen die Zapfenpflücker in heutiger Zeit auch technisches Gerät in Anspruch – den so genannten Baumrüttler. Der Baumrüttler ist ein Hydraulikgerät mit zwei überdimensionalen Greifarmen. Die zu beernteten Bäume werden mit einem engmaschigen Netz oder Plane am Boden ausgelegt. Die Greifarme umfassen den Stamm und rütteln diesen durch. Durch die Vibration werden die Früchte, z. B. der Wildkirsche, vom Baum geschüttelt und in der Plane aufgefangen. Ein klassischer Nebeneffekt entsteht:
Bevor der Kirschsamen zur Weiterzucht verwertet wird, wird das Fruchtfleisch der Wildkirsche gemaischt und zu Alkohol verarbeitet. Nach der Aussage des hauptberuflich tätigen Werner Sennert, werden von ihm im Jahresdurchschnitt ca. 15 Tonnen Zapfen geerntet und den Samendarren zugeführt.

Aus der primitiven Anfangszeit der Samengewinnung, wo die geernteten Zapfen zunächst auf dem Boden ausgebreitet und durch Sonneneinwirkung mehrere Tage getrocknet wurden, entwickelte sich im Laufe der Zeit das Trocknen der Zapfen auf den Kacheln eines Kachelofens, bis durch die groß aufgelegte Wiederaufforstung der Bedarf an Samen so groß wurde, dass von staatlicher Seite aus Samendarren eingerichtet wurden..
Eine erste staatliche Samendarre wurde durch die Forstverwaltung bereits 1826 in Wolfgang bei Hanau aufgebaut - die modernste Samengewinnungsanlage ihrer Zeit.
Die Samendarre, oder auch Klenge genannt, ist ein Samenverarbeitungsbetrieb. In der Darre werden die gesammelten bzw. geernteten Zapfen einer Trocknung unterzogen. Dies geschieht auf verschiedenen Ebenen des Gebäudes mit unterschiedlichen Temperaturen zw. 25 bis 50 Grad Celsius. Die erhöhte Wärmezufuhr erwirkt ein Öffnen der Zapfen, was das typische „Klengeräusch“ verursacht. Die Samen fallen aus den Zapfen und werden durch ein Rüttelsieb getrennt.
Z. B. werden aus 1 Kilogramm Kiefernzapfen durchschnittlich 50000 Samenkörner gewonnen.
Bereits 1901 wurde eine weitere Samendarre, die Hessische Staatsdarre Gammelsbach errichtet, die überwiegend von Odenwälder Zapfenpflückern beliefert wurde.
Je nach Herkunftsgebiet und Sorte wird der Samen gekennzeichnet, verpackt und in den Handel gebracht. Nur Samen ausgewählter und zertifizierter Herkunftsgebiete dürfen für die Wiederaufforstung verwendet werden. Dies gilt für den staatlichen Forst genau so wie für den privaten Waldbesitzer. Üblicherweise werden die Samen an Forstbaumschulen verkauft, die für die weitere Aufzucht und den späteren Vertrieb sorgen.
In den Forstbaumschulen ist es die Bestrebung, aus jedem einzelnen Samenkorn einen Setzling zu gewinnen.
Seit dem Jahr 2002 besteht ein Forstvermehrungsgutgesetz, welches in Anlehnung der EG-Richtlinien v. 22.12.99 über den Verkehr mit forstlichem Vermehrungsgut, insgesamt 27 Arten von Wildbäumen in die Bestimmungen aufgenommen hat.

Quelle:

Bayrischer Rundfunnk vom 17.11.2008
Christoph Eisele 200 Jahre Conrad Appel – Samen und Pflanzen
Dr. H. Feustel Museum Preunschen – Watterbacher Haus
Rudolf Hess Hess GmbH Forstservice u. Holzvermarktung
Werner Sennert persönliches Interview vom 18.04.2011
Forstliche Saatgutstelle Hessen
Fritz Walter Alt-Lützelbach 1984-88
Wikipedia Nachhaltigkeit der Forstwirtschaft
Manfred Kassimir Bilder und Text
Werner Sennert Bilder
Mein Dank geht insbesondere an den Tannenzapfenpflücker Herrn Werner Sennert, der mir im Verlaufe meiner Recherchen sehr viel Zeit geopfert und Fragen beantwortet hat um mir das Berufsbild der Tannenzapfenpflücker näher zu bringen. Außerdem leistete er Bildbeiträge, die ohne sein Zutun den vorliegenden Bericht nicht abrunden würden.