Kirchweih - Kirmes - Kerwe - Kerb

-Ein altes Brauchtum - nicht nur im Odenwald-
(Manfred Kassimir)

Die Kirchweih, oder besser die Kerwe oder Kerb, wie die meisten Odenw√§lder dazu sagen, war bereits fr√ľher, und ist es meist auch heute noch, das bedeutendste Fest des Jahres in der d√∂rflichen Gegend des Oden-waldes. Das Kerwefest erstreckt sich meist √ľber 3 Tage und findet in der Regel Samstag, Sonntag und Montag statt.

Auf dem Fest wird gefeiert, gesungen, getanzt und gelacht. Hinzu kommen √ľppiges Essen und auch Trinken.
Kirchweih ist, wie der Name schon sagt, der Tag, an dem die im Dorf befindliche Kirche dem Schutzpatron und Namensgeber geweiht ist.


Nun fällt der Namenstag des Kirchenschutzheiligen nicht immer auf das Wochenende. Durch eine besondere Kirchenverordnung, auch in der Erbacher Grafschaft, wurde das Fest der Kerb auf den Namenstag des darauf folgenden Wochenendes verlegt.

Im Jahr 1573 kam es sogar soweit, dass das Feiern der Kerb in Hessen unter Androhung von Strafe verboten war. Zur Begr√ľndung gab man an, dass es sich bei dem Brauchtum der Kerb um kath. Ursprung handelt und es bei diesen Festen durch √ľberm√§√üiges "Fressen und Saufen" zu √ľblen Schl√§gereien kommen w√ľrde. So richtig konnte sich dieses Verbot nie durchsetzen und es wurden immer neue Mittel und Wege gefunden, das Verbot zu umgehen.

Neben den Sch√ľtzenfesten blieb die Kerb, trotz Verbot, die wichtigste Festlichkeit im Ort.
Um die Kerb feiern zu k√∂nnen, muss diese geplant werden. Hier finden sich interessierte unverheiratete Jungen zusammen, die die Organisation √ľbernehmen und den Ablauf der Kerb √ľberwachen, d. h. die Kerb ausrichten.

Bereits eine Woche vor dem Fest beginnt das rege Treiben im Dorf. Zur Kerb werden Gäste aus Nah und Fern erwartet, die an den Festlichkeiten teilhaben wollen.
Es muss gebacken, gekocht und gebraten werden, denn zur eigentlichen Kerwefeier hat man f√ľr solche Dinge keine Zeit.

Alle freien Stellflächen im Haus sind mit essbaren Köstlichkeiten belegt.
Wer zu Hause nicht die Möglichkeit hat, große Mengen an Kuchen zu backen, muss sich in die Reihe der Wartenden am Dorfbackhaus einreihen. Dort wird die Reihenfolge ausgelost. "Riwwelkuche, Appelkuche, Käse- und Zimtkuche" sind die beliebtesten Kuchenköstlichkeiten zur Kerwezeit.

Der Wirt der Dorfsch√§nke hat sich bereits f√ľr das kommende Fest mit Getr√§nken eingedeckt; denn, es k√∂nnte nichts schlimmeres passieren, als dass beim Kerwefest die Getr√§nke ausgehen.

In der Regel wird das Kerwefest im Tanzsaal der Dorfsch√§nke abgehalten. Der Tanzsaal ist absolut leer, wenn man von den Abstellfl√§chen f√ľr die Gl√§ser in Kopfh√∂he an den W√§nden einmal absieht.

Vielleicht befindet sich in einer Ecke des Tanzsaales ein kleines Podest, auf dem sich die Musikanten niederlassen.

Damit die Kerb beginnen kann, muss sie zunächst ausgegraben werden.

Die "Kerb ausgraben" hei√üt, dass ein steinerner Weinkrug, gef√ľllt mit gutem Wein oder Apfelwein, ausgegraben wird, der nach Abschluss der letztj√§hrigen Kerwefeiern unter lautem Wehklagen in einem Loch vergraben wurde.

Andere Br√§uche besagen, dass eine mit Stroh ausgestopfte Puppe, ein geflochtener, bunt geschm√ľckter Kranz oder Strau√ü zu Beginn des Kerwefestes unter lautem Singen in den Ort getragen wird.

Der Kerwezug wird vom Kerwepfarrer und seinem Mundschenk angef√ľhrt. Junge Burschen und M√§dchen folgen mit dem Kerwebaum/Kranz.

Ihnen folgen Phantasiegestalten wie z. B. die Schlumpel, Schimmelreiter, Schornstein-feger mit Leiter und die aus der Fastnacht bekannten Bajasse.

 

Der Kerwezug f√ľhrt durch den farbenfroh mit Mayen (Birken) und bunten Papierb√§ndern geschm√ľckte Ort bis zur Dorfsch√§nke. Dort wird der Kerwebaum oder Kranz als sichtbares Zeichen f√ľr die hier stattfindende Kerwefeier aufgestellt oder aufgeh√§ngt.

Der Kerwepfarrer, meist als evangelischer Geistlicher verkleidet, besteigt nun seine mitgef√ľhrte Stehleiter. Aus einem gro√üen dicken Buch verliest er Anekdoten, die sich im verflossenen Jahr im Ort zugetragen haben. Ist der Kerwepfarrer ein kleiner Poet, tr√§gt er die Anekdoten in Versform vor.


Zwischen den einzelnen Geschichten unterbricht der Kerwepfarrer immer wieder seinen Vortrag mit den Worten:

 

"Kamerad schenk oi, es muss emol getrunke soi!"

um anschließend einen tiefen Schluck aus dem Weinglas zu sich zu nehmen.
Am Ende seines Jahresberichtes angelangt, kommt von ihm der Ausruf:

"Wemm is die Kerb?"

und die Kerwegemeinde ruft als Antwort laut und vernehmlich:

"Unser!"

Mit diesem Ausruf sind die Kerwefeierlichkeiten eröffnet. Jung und Alt strömen
in den Saal um zu singen und zu tanzen, einfach, um ausgelassen zu sein.

Zwischendurch erschallt immer wieder der Ruf:

"Wemm is die Kerb?"

und die Antwort kommt laut und vernehmlich:

"Unser!"

Die Musikanten spielen die altbekannten und √ľberlieferten Weisen wie z. B. den "Schnicker"; den "Trippler"; den "Schleifer", Sch√ľrzenwalzer"; "Polka"; "Rutsch hie, rutsch her"; und vielleicht sogar den "Siebensprung". Tanzspiele, wie z. B. "Kraut un Riewe" oder der "Kissentanz" kommen auch wieder zu Ehren. Zwischendurch aber kommt immer wieder der Odenw√§lder Nationaltanz, der "Dreischrittdreher". Die Tanzfl√§che geh√∂rt den jungen Burschen und M√§dchen, auch wenn ab und zu einmal die √§ltere Generation ein T√§nzlein wagt. Doch meistens erfreuen sich diese an dem Trubel vom Rand der Tanzfl√§che aus.

Der Höhepunkt des Kerwefestes um Mitternacht bildet die Teilung der Musik in 2 Gruppen.
W√§hrend die Streicher im Saal bleiben, begeben sich die Bl√§ser ins Freie. Aus dieser Aufstellung heraus wird im Wechsel Musik aufgespielt. Die jungen Burschen und M√§dchen singen und tanzen dazu. Die √Ąlteren klatschen im Rhythmus der Musik mit.

Die Musik wird immer weniger bis sie ganz und gar aufhört zu spielen und nur noch das rhythmische Stampfen und Klatschen zu hören ist. Der Tanzabschluss bildet ein gesungenes "Tralalala" und mit einem Schlussstampf ist der Tanz zu Ende (der Lärmen).

Die Tanzmusik geht bis in die fr√ľhen Morgenstunden. Hier werden auch weitere Singspiele veranstaltet, wie z. B.:
"Ei kennt ihr mich doann net, ei kennt ihr mich doann net, ich bin von Stoabach die Babet?". In diesen Tanzspielen werden Verse gereimt, die die Nachbarorte auf gutm√ľtige Art verspotten.

Allm√§hlich l√∂st sich die Tanzveranstaltung auf. F√ľr den kommenden Tag m√ľssen noch einmal die letzten Kr√§fte gesammelt werden.

Eine M√§hr erz√§hlt, dass bei einem Kerwefest so lange Musik gemacht wurde, bis nur noch ein Geiger √ľbrig war und dieser nur noch auf einer Saite spielte.

Der Kerwemontag ist den Ortsansässigen vorbehalten. Während die auswärtigen Gäste den Kerwesonntag ausgiebig mitfeierten, bleiben die Dorfbewohner am Kerbmontag unter sich. Das Tanzen und Singen geht weiter. Der Ausruf: "Wemm is die Kerb" und die Antwort: "Unser" kommt lange nicht mehr so laut wie am Vortag.

Das angesparte Kerwegeld ist fast aufgebraucht. Die Tanzpaare sind weniger, die Musik spielt verhaltender. Langsam klingt die Kerwe aus, oder wie man es im Odenwald ausdr√ľckt: "Es spitzt sich zu". Die Kerwe geht ihrem Ende entgegen.

Doch auch am Kerwemontag gibt es noch einen H√∂hepunkt des Festes, den Sch√ľrzenwalzer. Beim Tanzen werden zwei Frauen ihrer Sch√ľrzen beraubt und den M√§nnern zugeworfen. Wer eine Sch√ľrze f√§ngt und diese sich als erste fertig umgebunden hat, darf mit der Frau seiner Wahl tanzen.

Dem Verlierer bleibt nur der Tanz mit dem Reisigbesen. In der zweiten Runde ist es dann umgekehrt: die schnellste Frau darf mit dem Burschen ihrer Wahl tanzen usw.. Nicht selten kommt es hier zum Streit mit den M√§dchen, dessen Sch√ľrzen geraubt wurden, denn es bestand immer die Gefahr, dass die Sch√ľrzen nach dem "Sch√ľrzentanz" nicht mehr zu gebrauchen waren.

Montag um Mitternacht ist die Kerb zu Ende. Beim Schlagen der Kirchturmuhr wird zum letzten Tanz, dem "Kehraus" aufgespielt. Mit dem Verklingen der letzten Takte der Musik wird der Tanzsaal widerwillig verlassen.

Der Abschluss der Kerwe bildet das Verbrennen der Kerwepuppe aus Stroh oder das Vergraben des Weinkruges. Unter lautem Jammern und Wehklagen wird die Puppe oder der Weinkrug vor den Ort getragen. Die Puppe wird verbrannt, der Weinkrug in einem Loch vergraben bis er zum nächsten Kerwefest wieder ausgegraben wird.

Aber lange hallt in der Erinnerung
noch der wilde Ruf:

"Wemm is die Kerb?"

und die Antwort darauf:

"Unser!"

Im Laufe der Zeit hat sich der Kerwebrauch verändert. Manche Sitten gerieten in Vergessenheit, neue Bräuche kamen hinzu. Was aber geblieben ist:

An der Kerb wird gesungen, getanzt und gelacht, gefressen und gesoffen.

Heute sagt man dazu aber Essen und Trinken. Von der Bedeutung her sind die Worte aber gleich geblieben.

Die Kerb ist immer noch die Kerb.


 

Quellen:
Adam Winter Altes Brauchtum
Heinrich Winter Befragungsprotokoll Klein Gumpen
Friedrich Höreth Geschichte und Geschichten aus dem Odenwald Band I
Friedrich Mösinger Was uns der Odenwald erzählt Band III
Manfred Kasimir Text und Bilder


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