Erntedankfest
(Manfred Kassimir)

Beim Flechten des Erntekranzes

So muss er aussehen

Wenn man in der heutigen Zeit den Bauer beim Ernten seiner Früchte auf dem Feld beobachtet,
stellt man schnell fest, dass das Zeitalter des "high tech" auch hier unaufhörlich Einzug gehalten hat.

Vollautomatische Erntemaschinen, die mit einem oder nur wenigen Arbeitsgängen die Frucht des
Feldes ernten, einsacken und das Stroh zu runden oder eckigen Portionen bündeln, kommen zum
Einsatz. Menschen bei der Arbeit auf dem Feld kann man aber nur noch wenige beobachten.

Das war aber nicht immer so. Bevor die technischen Geräte auch die Landwirtschaft eroberten, war die Feldarbeit noch wirkliche Handarbeit.

Es war Leben auf dem Feld. Viele Erntehelfer mussten rege ihre Hände und Arme rühren um
das Getreide einzufahren. Am Ende der Arbeit wartete nicht nur der Lohn für die erbrachte Leistung, sondern auch die Dankbarkeit des Bauern, dass die Ernte eingefahren war.
Und diese Dankbarkeit brachte der Bauer, je nach Region, in unterschiedlicher Form zum Ausdruck.

Der Hof erwartet die Einfuhr der Ernte

Die Bräuche, die sich hierbei entwickelt haben, sind sehr unterschiedlich.
Aus diesem Grund können an dieser Stelle nur Aufzählungen der bekanntesten Bräuche erfolgen, ohne eine Gewähr für die Vollständigkeit zu geben.

übliche Opfergaben

Das Erntedankfest hat sicherlich nicht seinen Ursprung in der christlichen Glaubenslehre.
Bereits die Kelten, später auch die Germanen und die Römer feierten Feste, die die Danksagung für die geschenkten Früchte des Feldes zum Inhalt hatten.

Die Ernte der ausgesäten Früchte war seit jeher ein ganz wesentlicher Bestandteil des Überlebens und wurde mit entsprechenden Opfergaben an Gott oder die Götter zum Ausdruck gebracht.

Der christlichen Glaubenslehre war es vorbehalten ein "heidnisches Fest" in christliche Bahnen zu lenken und daraus ein Fest der Danksagung dem "Erntedankfest" zu machen. Beim Erntedankfest wird die Dankbarkeit für den Erhalt der Früchte des Feldes mit Gebeten und rituellen Handlungen zum Ausdruck gebracht.

Dankbar dafür, dass die Felder reiche Ernte abgeworfen haben;

Dankbar dafür, dass man die geernteten Früchte wohlbehalten einbringen und damit das Überleben sichern konnte;

Dankbar dafür, dass im Rückblick des Bauern-jahres die getane Arbeit sichtbar wurde.

Das Feld ist abgeerntet

Die gute Ernte wird gefeiert

Das christliche Erntedankfest wird am 1. Sonntag im Oktober gefeiert. Entsprechend dem Anlass werden in den Kirchen die Altäre mit den Früchten des Feldes geschmückt. Im Mittelpunkt des Gottesdienstes stehen Danksagungen und Lobgesänge und ein etwa 300 Jahre altes Dankgebet.

Die Landbevölkerung feiert auf ihre Weise das "Erntedankfest". Laut Überlieferung beginnt die Erntezeit zu Jakobi (25. Juli).

Wie die Ãœberlieferung berichtet, wurde das
Korn oder der Hafer nicht mit der Sense, sondern mit der wesentlich kleineren und kürzeren Sichel geschnitten (Sachsenspiegel). War die Feldarbeit beendet, wurde die Sichel unter großer Anteilnahme des Bauern und der Knechte und Mägde in der Scheune im Gebälk aufgehängt. Dieses Ritual wird als "Sichelhenk" bezeichnet.

Die Sichel

Die Spiralen im Kornfeld

Ein weiterer Brauch bestand darin, den Hafer spiralförmig von innen nach außen zu schneiden (Rad- oder Schneckenmähen). Der Schnitter ließ dabei die mittigen Ähren stehen oder stellte das erste geschnittene Bündel in der Mitte auf (Hafermännchen oder Haferbobb). Der Schnitt erfolgte von innen nach außen. Die Kreise wurden immer größer. Die Arbeit brauchte nicht unterbrochen werden. Ein leerer Rückweg zum Ausgangspunkt war nicht nötig. Es konnten auch mehrere Schnitter hintereinander schneiden, ohne sich bei der Arbeit im Weg zu sein.
Zum Schluss lag der geschnittene Hafer spiral-förmig auf dem Acker. Spirale im kultischen Sinne das Sinnbilde der Sonne.

Auf dem Feld wurde die geschnittene Frucht zu Garben zusammengebunden. An der letzten Garbe wurde ein weiteres kleines Bündel waagrecht befestigt, so dass daraus die Form eines Männchens erkennbar war ? das "Hafermännchen" oder die "Haferbobb".

Das Hafermännchen blieb nach der Ernte auf dem Feld zurück. Unter den jungen Burschen begann der Wettstreit, wer die meisten Hafermännchen einsammeln und anschließend verbrennen konnte. Der Sieger wurde zum "Haferkönig" ernannt.

Eine Haferbopp

Auch diese beiden künden von guter Ernte

Der Strauß aus den 7 Ähren

Der Zahl 7? kommt zur Erntezeit eine große Bedeutung zu. Es wurden die ersten oder die letzten 7 Ähren des Feldes zu einem Strauß zusammengebunden und im Wohnraum des Bauern aufgehängt. Mit der nächsten Aussaat wurden die erhaltenen Körner dem Saatgut beigegeben.

Beim Ernten der Frucht ließ man auf einer Ecke des Feldes einen kleinen Teil der Früchte stehen, verbunden mit dem Wunsch, dass im nächsten Jahr die Frucht wieder wachsen möge.

Ähren wurden zusammen mit Blumen zu einem bunten Strauß oder Kranz gebunden.

Der gebundene Strauß wurde auf einem Holzstab befestigt und meist auf dem letzten einfahrenden Erntewagen aufgepflanzt.

Der letzte Erntewagen wurde meist mit Zweigen und bunten Bändern heraus geputzt. Sogar die ziehenden Pferde- oder Ochsengespanne erhielten einen entsprechenden Schmuck. Und sogar die Peitsche des Knechtes wurde mit bunten Bändern und Blumen umkränzt.
Mit fröhlichem Gesang und Peitschenknall begleiteten die Knechte und
Mägde den letzten Erntewagen durch das Dorf zum Hofgut.

Erntekranz am Stab mit Bändern

Der letzte Erntewagen wurde mit der Erntekrone geschmückt. Die Erntekrone ist ein Geflecht aus Ähren und bunten Feldblumen, die in Form einer Krone gewunden wurde.

Mit einem feierlichen Gedicht wurde diese Erntekrone dem Bauern und der Bäuerin überreicht:

"Ich bring eich hier den Erntekranz,
der is net halb, sondern rund und ganz,
is net gebunne aus Dischdel und Dorn,
sondern aus reinem gewachsenen Korn!

Mit Bändern schön geschmückt,
mit Blumen bunt bestickt,
ich bringe ihn getragen,
nach schwerer Arbeit Tagen.

So wollen wir uns insgemein
des Erntefestes freun.
Ihr Musikanten spielt die Weise,
so stellt eich uff in großem Kreise.

Ein jeder nehme in die Hand,
des bunten Bandes buntes Band.
Tanzt alle mit den Ehrentanz

um den bunten Erntekranz!"

Bänder am Kranz, bald kommt der Bändertanz


Unter der Anteilnahme aller Anwesenden befestigte der Bauer die Erntekrone auf einem ebenen freien Platz oder in der Scheune, auch Tenne genannt, an einer Holzstange. Dann wurde zum "Ährnball", dem Ernteball geladen. Lange bunte Bänder, die an der Krone herunter hingen, wurden von den Burschen und Mädchen gepackt und es wurde der Bändertanz getanzt. Mit den bunten Bändern wurde während des Tanzes eifrig Gebilde geflochten. Und damit war der "Ährnball" eröffnet. Es wurde bis spät in die Nacht hinein gesungen, getanzt und gelacht.

Zum Fest des "Erntedankes" wurde ein immer beliebtes Gebäck gereicht, die so genannten "Staabkräppel". Staabkräppel (Neudeutsch Staub-Berliner) waren drei- oder viereckige Gebäckstücke mit einem Mittelschnitt. Ihren Namen erhielten sie dadurch, dass sie während der Ernte- und Dreschzeit immer leicht mit Staub bedeckt waren.

Die letzte Garbe stellte "die Alte" oder "die Bobb" dar. Sie wurde auch auf dem letzten Erntewagen aufgepflanzt.

Erntedank-Korb mit Gemüse von Feld und Garten

Ein Traktor

Der Bauer, der seine Ernte als letzter einbrachte, dessen Erntewagen wurde mit dem Ehrenfitz`l geschmückt. Der Ehrenfitz`l wird durch eine Strohpuppe dargestellt, die anzeigen sollte, dass der Bauer nicht mit dem entsprechenden Eifer bei seiner Arbeit war.

Jedes Bauerngut besaß in der Scheune eine große Halle, die Tenne. Das Scheunentor war so groß,

dass die voll beladenen Erntewagen hindurch fahren konnten. Hier wurde die abgeerntete Frucht eingelagert und gedroschen. In diesem Scheunentor war eine kleine Tür untergebracht, die dem Bauern den Zutritt ermöglichte ohne dass dazu das große Tor geöffnet werden musste. Die Tenne wurde oft zu Festlichkeiten genutzt, so auch zum Fest des Erntedank. Der Boden der Tenne bestand meistens aus festgestampften Lehm, so dass mit Freuden das Tanzbein geschwungen werden konnte.

Erntedank-Korb mit Obst

In der Tenne aufgehängte Garben

Ja, das sind ländliche Bräuche des Odenwaldes zum Erntedank. Abweichungen zu den zuvor aufgezählten Sitten und Gebräuche gibt es immer wieder. Dies liegt auch daran, dass sich einige Riten von Alters her in bestimmten Regionen erhalten haben, andere wurden abgewandelt und den veränderten Bedürfnissen der Bevölkerung und den Zeiten angepasst. Aber vom Sinn her blieb die Bedeutung dieses Brauches gleich:

den Dank für die erhaltene Ernte und der voll-brachten Arbeit auszudrücken und dies mit der
Bitte verbunden, dass auch die zukünftige Ernte
zur Zufriedenheit ausfallen möge.

Alte Bauernregeln:

Januar: Ist der Januar hell und weiß, kommt der Frühling ohne Eis.
Februar: Februar mit Frost und Wind, macht die Ostertage lind.
März: Märzregen bringt Segen.
April: Aprilwetter und Kartenglück wechseln jeden Augenblick.
Mai: Wenn es im Mai viel regnet ist das Jahr gesegnet.
Juni: Im Juni, Bauer bete, dass der Hagel nicht alles zertrete.
Juli: Macht der Juli uns heiß, bringt der Winter viel Eis.
August: August ohne Feuer, macht das Brot teuer.
September: Schaffst du im September nichts in den Keller, blickst du im
Winter auf leere Teller.
Oktober: Regen Ende Oktober verkünde ein gutes Jahr.
November: Hängt`s Laub in den November hinein, wird der Winter
lange sein.
Dezember: Wenn man den Winter will loben, so muss er frieren und
toben.

 


 

Quellen:
Friedrich Mössinger - Was uns der Odenwald erzählt Band III
Karl-Heinz Mittenhuber - Altes Brauchtum im Odenwald, an der Bergstraße und im Ried.
Friedrich Höreth - Geschichte und Geschichten aus dem Odenwald Band I
Helmut Seebach - Odenwälder Brauchtum
Friedrich Mössinger - Bild Haferrad
Heinrich Winter - Volk und Scholle 1935
Petra Knorr - Die schönsten Bauernregeln
Manfred Kassimir - Text und Bilder


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