Die Sattler im Odenwald


(von Manfred Kassimir)  

 

„Die Reiter machen viel VergnĂŒgen,

besonders, wenn sie untern liegen!“

Spruch von Wilhelm Busch

 

Kanonensattel (Sattel fĂŒr das FĂŒhrungspferd der Kanone)

 

Pferde und Menschen gehen seit Menschengedenken eine Symbiose ein. Sie sind aufeinander angewiesen. Bekannt ist, dass bereits vor unserer Zeitrechnung im asiatischen Raum Pferde zur KriegsfĂŒhrung genutzt wurden und richtiggehende Kampftruppen das Geschehen auf dem Schlachtfeld beeinflussten.

Auch Mongolenhorden brachten es zur Perfektion sich ĂŒber lĂ€ngere Zeit auf dem PferderĂŒcken zu halten, ohne sich selbst oder das Pferd zu ermĂŒden. Das war nur unter Verwendung einer Art Sattel möglich.

Die Römer entwickelten den Sattel weiter, indem sie den SteigbĂŒgel erfanden. Dieser diente dazu, sich sicherer auf dem RĂŒcken eines Pferdes zu halten und beide HĂ€nde frei fĂŒr die Waffenhandhabung zu haben. Aber nicht nur zur KriegsfĂŒhrung, sondern auch fĂŒr den tĂ€glichen Gebrauch von Pferden werden GerĂ€tschaften notwendig, um das Pferd sinnvoll fĂŒr die Arbeit einsetzen zu können.

Um Aber einen Sattel herzustellen, brauchte es ein entsprechend flexibles, aber auch haltbares Material. Hier bot sich die Tierhaut an, die nach entsprechender Behandlung zu Leder verarbeitet werden konnte. 

Auch der berĂŒhmte Mann aus dem Eis „Ötzi“, der vor ca. 3200 Jahren v. Chr. lebte, hatte Kleidung aus Leder und fĂŒhrte GerĂ€tschaften mit sich, die zum Teil aus Leder her- gestellt waren.

Im mitteleuropÀischen Raum wurden Ochsen zur Feldarbeit und zur Fuhrarbeit herangezogen. Diese wurden mittels Ochsenjoch oder Ziemer aus Holz einge- spannt.

 

 

Ochseniemer

 

Diese GerĂ€tschaften waren fĂŒr Pferde, die diese Arbeit schneller bewĂ€ltigen konnten, ungeeignet. So wurde das sogenannte Kummet entwickelt, das fĂŒr die Pferdearbeit geeigneter war.

Dieses Kummet wurde durch den Sattler aus Leder gefertigt und konnte dem Pferd als eine Art ovaler Ring ĂŒber den Kopf gestreift und mit dem ArbeitsgerĂ€t verbunden werden.

Da Kummet

 

Die Hauptaufgabe des Sattlers war neben der Herstellung von ArbeitsgerÀten aus Leder die Fertigung von ReitsÀtteln.

Um einen Reitsattel herzustellen, brauchte der Sattler eine große Berufserfahrung. So musste er mit der Anatomie und dem Bewegungsablauf eines Pferdes vertraut sein, um einen korrekt geformten Sattel herstellen zu können. Er musste ĂŒber die Beschaffenheit und den Eigenschaften des zu verarbeitenden Leders genaue Kenntnisse haben. Auch brauchte er das Wissen eines Gerbers, denn in der Regel bezog der Sattler sein Arbeitsmaterial von einem orts- ansĂ€ssigen Metzger und bereitete die TierhĂ€ute fĂŒr seine BedĂŒrfnisse zu.

Der Begriff „Leder“ bedeutet „tierische Haut“, die von den Haaren (Fell) befreit ist und durch unterschiedliche chemische Prozesse haltbar gemacht wird.

Die Ausbildung eines Sattlers betrug in der Regel 3 bis 4 Jahre. FĂŒr die MeisterprĂŒfung ablegen zu können, musste der Geselle Auf die „Walz“ um entsprechende Erfahrungen in der Fremde zu sammeln.

Die Arbeit eines Sattlers ist vielfÀltig und auch der zeitlichen Entwicklung unterworfen. Lag das Haupt- handwerk zunÀchst auf der Herstellung von Sattel und der dazugehörigen Riemen, kamen im Verlaufe der Zeit noch andere Herausforderungen auf ihn zu.

So konnte er sein Wissen in der Folgezeit auch bei der Ausstattung von Kutschen (Verdecke, SitzbankbezĂŒge, Innenverkleidung) unter Beweis stellen. Dazu kamen Accessoires, wie z. B. Reisekoffer und andere Kleinutensilien, die das Können eines Sattlers erforderten.

Das Arbeitsspektrum wurde derart ausgedehnt, dass sich die Sattler in verschiedene Berufsrichtungen weiter- entwickelten. So entstanden Riemer, Beutler, GĂŒrtler, TĂ€schner, um nur einige zu benennen, die sich auf eine bestimmte Fertigung spezialisierten.

 

Lederriemen

 

Wie unschwer zu erkennen ist, ist die Berufsbezeichnung „Sattler“ nur ein Oberbegriff fĂŒr vieles lederverarbeitende Handwerk. So bleibt dem Verfasser dieses Artikels an- heimgestellt, sich auf die UrsprĂŒnge des Sattlerhandwerks zurĂŒckzuziehen. Der Sattler stellt, wie der Name schon ausdrĂŒckt, „ReitsĂ€ttel“ und das unmittelbar notwendige Zubehör her.

Als Arbeitsmaterial verwendet er unterschiedliche Leder, je nach den Erfordernissen. So kommen Rinds-, Ochsen- oder Schweinsleder zum Einsatz.

Um dem Reiter den Umgang mit dem Pferd unbeschwert zu ermöglichen, muss der Sattel individuell fĂŒr den PferderĂŒcken und dem Bedarf des Reiters angepasst werden.

 

Anpassungsschablone fĂŒr Pferdesattel

 

So muss der Sattler zunĂ€chst das Pferd vermessen und eine passende Schablone des PferderĂŒckens fĂŒr den Leder- zuschnitt anfertigen.

Der Sattelaufbau unterliegt einer sehr komplizierten Anforderung an das zu verarbeitende Material, sodass eine nĂ€here Beschreibung dieser TĂ€tigkeit den Rahmen dieses Beitrages sprengen wĂŒrde. 

Es ist aber festzustellen, dass es sehr viele unterschiedliche Sattelvarianten gibt. Stand zunĂ€chst der MilitĂ€rsattel im Vordergrund der Arbeit, so ist es heute der Sportsattel mit seinen Untergruppierungen fĂŒr Dressurreiten, Spring- reiten, der VielfĂ€ltigkeitssattel und der Westernsattel. Eine besondere Art des Sattels ist der sogenannte “Damensattel“. Dieser Sattel ist so konzipiert, dass die Beine der Reiterin sich auf einer Seite des Pferdes befinden, da es fĂŒr die Damen als unzĂŒchtig galt, breitbeinig auf einem Pferd zu reiten.

Dressur/VielfÀltigkeitssattel

 

Weitere Sattelarten sind der Arabersattel, der mexikanische Sattel, der Bocksattel oder auch der venezianische Sattel.

Bei der Herstellung des Sattels ist es extrem wichtig, dass der Sattel zu Pferd und Reiter passen und fĂŒr die entsprechende Reitart geeignet ist.

Um einen Sattelherstellen zu können, braucht der Sattler, außer dem Leder, noch das richtige Handwerkszeug.

So kommt der Sattlermond zum zuschneiden des Leders, Ahlen verschiedener GrĂ¶ĂŸen, Schere, Sattlerzange, Nietzange, Hammer, Rundnadeln, Riffeleisen und Sattlerroß (NĂ€hkloben) zum Einsatz.

Wurde die Sattlerei mit dem Aufkommen industrieller Maschinen in ein Nischendasein verbannt, erfĂ€hrt dieses Handwerk heute wieder einen Aufschwung durch die Sportreiterei. Aber auch hochwertige andere Sportartikel, wie z. B. die handgenĂ€hten FußbĂ€lle, verschaffen diesem Gewerbe einen wohlverdienten Aufschwung. 

Dem Verfasser ist im Odenwaldkreis nur noch ein Handwerksbetrieb bekannt, der handgefertigte ReitsÀttel herstellt.

Ein Sattlerspruch der Sattlerzunft:

„Die Sattlerzunft wird fröhlich blĂŒhn`

solange sie darf vom Leder ziehn

und eine Straf`zu leiden

aus fremder Haut darf Riemen schneiden“.

 

Einzige im Odenwald verbliebene Sattlerei

 

 

 

Quellen

 Dr. Peter Albrecht u.Horst Wolniak

 Die Geschichte des Handwerks

 Otto Kettemann  Lexikon des alten Handwerks. Sattler und Riemer, C.H. Beck-Verlag MĂŒnchen
 Alfred KĂŒhnert  Fast vergessene Berufe. Sattler im Odenwald.
 Rudi Palla

Das Lexikon der untergegangenen Berufe, - Sattler- und Riemer, Eichhornverlag.

Heike Pies

ZĂŒnftige und andere Berufe., Brockhausverlag Wuppertal

Jan H. Sachers

Lederhandwerk- Karfunkel Nr. 9, Berufe, ZĂŒnfte und Gewerbe

Guido Schiek

Neues ReiterlĂ€dchen in Roßbach. DA-Echo 27.05.2011.

John Seymour

Der Sattler – Vergessene KĂŒnste, Urania-Verlag S.

Wikipedia 

Sattler

Hörn Witte

Das Sattlerhandwerk

Sonja Zörgiebel

Mein Dank geht an Sonja Zörgiebel, die mit viel Geduld mir das Handwerk des Sattlers nÀhergebracht hat.

Manfred Kassimir

Text und Bilder