Die Odenwälder Korbflechter

(Manfred Kassimir)

 

 

Wer kennt sie nicht? Die aus Weiden geflochtenen Körbe in unterschiedlichen Größen, Formen und Farben. Korbwaren verschiedener Arten haben den Lebensweg des Menschen schon immer begleitet. So wurden Behältnisse für die Aufbewahrung von Lebensmitteln oder für deren Transport hergestellt. Später auch Gegenstände, die die Menschen alleine durch ihren Anblick erfreuten.
In Zentren des Flechthandwerks hatten sich die Handwerker zu Gilden zusammengeschlossen, um ihren Mitgliedern einen gewissen Schutz für das ausgeübte Handwerk zu bieten.
Das Korbflechten war im Odenwald kein selbstständiges Gewerbe um der Familie den Lebensunterhalt zu sichern, sondern ein Nebenprodukt der landwirtschaftlichen Arbeit in den Wintermonaten.
Historische Forschungen belegen, dass die Kunst des Flechtens bereits von unseren prähistorischen   Vorfahren gepflegt wurde (Grabbeigaben). Flechtwerk war zum Transport und Aufbewahrung von Waren, insbesondere Lebensmittel, von großer Bedeutung. Das Flechten dürfte sich zusammen mit der Töpferei entwickelt haben, da der zum Töpfern verwendete Ton auch zum Abdichten von Flechtwerk Verwendung fand. Weitere Verwendungsmöglichkeiten des Flechtens waren die Einfriedung von Weideflächen, oder auch das Ausflechten von Hohlräumen (Gefache der Fachwerkhäuser oder der Pfahlbauten). Hauptsächlich kam das Geflecht im häuslichen oder landwirtschaftlichen Raum zum Einsatz.

 

Um das Flechthandwerk auszuüben, gibt es eine kaum überschaubare Anzahl unterschiedlicher Materialien, die sich zum Flechten eignen. In erster Linie steht die Weide (salix) mit ihren verschiedenen Untergruppen.  Andere Materialien sind z. B. Binsen, Birkenreißig, Rattan, Palmblätter, Weizen- und Roggenstroh, Schilf, Pedding oder Bambus, um nur die wichtigsten zu nennen. In Mittel- und Nordeuropa kam überwiegend die Weide als Flechtmaterial zum Einsatz, weshalb sich dieser Bericht sich auf die Weide als Nutzmaterial beschränkt.


                           

Die Weide
Die Weide ist ein weiches, schnell wachsendes Gehölz, das vorzugsweise in feuchten Niederungen, sumpfigen Gelände oder Flussläufen gedeiht. Verschiedene Hauptweiden sind die Salweide, die Silberweide und die Korbweide. Alle drei Weidearten sind für die Verarbeitung der Korbflechterei geeignet, wobei die Korbweide der wichtigste Grundlieferant der Korbflechter ist.  Die Korbweide ist in der Regel in der Natur wild wachsend und, bei zunehmendem Bedarf, als Weideschößlinge kultiviert und plantagemäßig angebaut.
Die Weide hat, außer dass sie für die handwerkliche Flechtarbeiten von Nutzen war, eine weitere natürliche Funktion – die wild wachsende Weide schützte den Uferbereich von Bächen und Flüssen vor Abschwemmungen. Diese Weiden befanden sich früher im Besitz der Allgemeinheit.  Zur Erntezeit wurden die Weidentriebe meistbietend versteigert.
Im Frühjahr, noch vor dem Blattaustrieb, ziert der Blütenstand die Weide (Weidenkätzchen) und zeigt bereits im März die Vorboten des Frühlings an.
Die dünnen Zweige der Weiden können bis zu 150 cm lang werden.

 

Um die Korbweide zu vermehren, genügt es, die abgeschnittenen Zweige für ein paar Tage in Wasser zu stellen. Sind die ersten Wurzelansätze zu erkennen, werden die Zweige in feuchte Überschwemmungsgebiete in die Erde gesteckt. Im Verlaufe kurzer Zeit wird daraus ein Weidestrauch.  Nach 2-3 Jahre Wachstumsphase können die ersten Weidenruten geerntet werden. Die Ruten werden in gewissem Ernterhytmus geerntet, d. h., die Ruten werden bis zum Wurzelstock abgeschnitten. Die Erntezeit liegt zwischen November und Februar, nach dem Laubfall.  Sind die Ruten mit einer sichelförmigen „Hippe“ geschnitten, werden sie gebündelt und, je nach Bedarf, sofort verarbeitet oder zunächst getrocknet.

 

Die Weidenrute
Die frisch geernteten Ruten haben die Eigenschaft sehr biegsam aber auch sehr widerstandsfähig zu sein.
Bei der Bearbeitung der Ruten kommt es zu verschiedenen Arbeitsgängen:
Soll aus den geernteten Ruten ein grober Korb z. B. für die Feldarbeit (Kartoffellese) entstehen, kann die Rute frisch und ungeschält verarbeitet werden. Wird ein Korb für die Hausarbeit hergestellt (Wäschekorb), wird die Weidenrute zunächst geschält und anschließend gekocht.

 

 

Zum Schälen der Ruten wird eine sogenannte Schälklammer benutzt, die die Rinde aufreißt und dann abgezogen werden kann. Soll die helle Farbe der geschälten Rute erhalten bleiben, werden diese gebleicht oder Schwefeldämpfen ausgesetzt, was als Nebeneffekt bewirkt, dass ein Pilzbefall verhindert wird.
Eine rötliche braune Farbe wird dadurch erreicht, dass die Weidenruten ungeschält gekocht werden und erst nach dem Kochen geschält werden.  Der Gerbstoff Tannin, der in der Rinde enthalten ist, bewirkt diese Farbgebung.
Alle Behandlungsmethoden haben eines gemeinsam – nach dem Verarbeiten werden die Ruten im Bündel getrocknet und bis zur weiteren Verarbeitung  gelagert.
Sollen die Weidenruten für feinere Flechtarbeiten Verwendung finden (Damenhandkörbe), können diese der Länge nach aufgespalten werden. Dies geschieht mittels eines Spalters, auch als Reißer oder Klöber bekannt. Dieses Arbeitsutensil besteht aus einem Stück hartem Holz, welches in der Mitte der Stirnseite strahlenförmig nach außen laufenden Keilen herausgebildet hat. Die Ruten werden am dickeren Ende eingeschnitten und mit der Schnittfläche auf den Spalter aufgesetzt. Nun werden die Ruten durchgezogen und in die vorgesehenen Teile gespaltet. Ein Weidehobel dient anschließend dazu, die gespaltenen Ruten auf die gleiche Stärke zu bringen.

 

                

Die Körbe aus ungeschälten Weideruten werden überwiegend in der Landwirtschaft zum Transport für landwirtschaftliche Produkte, wie Kartoffel, Obst oder Gras eingesetzt. Geschälte Ruten werden zur Herstellung von Einkaufskörben, Wäschetruhen und auch Tragekiepen eingesetzt. Später wurden sogar Möbel, Kinder- und Puppenwagen oder auch Konfektkörbchen daraus hergestellt.
Eine Besonderheit der Weidenrutennutzung waren die „Bandstöcke“. Das waren ältere, gespaltene Weidenruten, die von dem Beruf des „Bandreißers“ oder „Bandritters“  bei der Herstellung von Fässern als Bandreifen genutzt wurden.
Um die trockenen Weideschößlinge wieder verarbeitungsfähig zu machen, müssen diese zuvor wieder gewässert werden. Die ursprüngliche Flexibilität wird dadurch wieder zurück gewonnen.

 

Das Flechten
Das Prinzip des Flechtens ist immer das gleiche. Es wird vom Boden aus beginnend bis zum oberen Abschluss durchgeflochten. Um mit dem Flechten zu beginnen, gibt es aber unterschiedliche Anfangsmethoden:
- aus stärkeren Weidenruten werden überkreuz ein Rahmen hergestellt, der mittels der zu verflechtenden Ruten durchgeflochten wird.

 

                                       

- Im Unterschied dazu wird bei einem Stakengeflecht zunächst ein Brett hergerichtet, das als Boden des Korbes dient. In den Boden werden Weidenruten aufgestakt, die das Gerüst für den zu flechtenden Korb bilden. Die Korbwand wird ausgeflochten und bis zum vorgesehenen oberen Rand verarbeitet.

 

Es gibt verschiedene Flechttechniken, die hier aufgezählt den Rahmen der Arbeit sprengen würden. Aber alle Flechttechniken haben eines gemeinsam – alle Techniken beinhalten das rechtwinklige Kreuzen der Ruten.
Um das Flechthandwerk zu betreiben, gibt es sehr geringe Ansprüche an die benötigten Arbeitsgeräte.
Das wichtigste Werkzeug des Korbflechters sind seine Hände. Weitere Werkzeuge, meist primitiver Art, die sich im Verlaufe der Flechtkunst nicht oder nicht wesentlich verändert haben, sind
- eine Hippe oder Astschere zur Gewinnung der Weideschößlinge
- ein Reißers oder Spalter zum Aufreißen der Ruten
- Schälklammer zum Abschälen der Rinde
- Klopfeisen zum Verdichten des Flechtwerks
- Messer und Scheren zum Einkürzen der Ruten
- der Weidehobel um die Ruten auf gleichmäßige Stärke zu bringen
- dazu kommt die Werkbank zum Fixieren des Flechtwerkes.

 

Der Odenwälder nutzte zum Flechten seiner Körbe keinen eigenen Werkstattraum. Im Winter wurde die Flechtarbeit in der Küche ausgeübt – der einzige beheizte Raum des Hauses. In der wärmeren Jahreszeit wurde die Werkstatt ins Freie verlegt und der Flechter hatte seine benötigten Arbeitsgeräte um sich herum ausgebreitet.

 

Redewendungen, die nicht nur im Odenwald gebräuchlich sind:
„Jemanden einen Korb geben“ – jemandem etwas ablehnen z. B. eine Tanzaufforderung ablehnen-
„Husch husch ins Körbchen“ – Kinder schnell zu Bett schicken-
„Hahn im Korb“ – einzelner Mann befindet sich in zahlreicher weiblicher Gesellschaft.
Es gibt unterschiedliche Flechtformen, die für dieses Handwerk angewendet werden – da ist zum einen die Freihandform, dessen Form von dem Flechter vorgegeben wird. Die andere Form ist die festgelegte Innenform, die zur wiederkehrenden Verwendung genutzt wird.
Geflochtene Körbe waren auch Bestandteil der Aussteuer der Odenwälder Frauen zu ihrer Hochzeit.
Die Arbeit des Korbflechters wird mit dem nachfolgenden Gedicht eindrucksvoll beschrieben:

 

„Der Korbflechter"
(Alfons Petzhold)


Erst klopfe ich die rauhe Rinde
herab vom Weidenstammzweige,
dass sich das fertige Gebinde
den Blicken weiß und glänzend zeige.

 

Dann fügt sich unter meinen Händen
das gute Holz so wie das schlechte,
wenn ich es mit dem harten Enden
verbinden muss zum Korbgeflechte.

 

Die feinen Ruten, flach gezogen,
ich muss sie auseinander lenken,
auf dass sie im gespannten Bogen
sich umso inniger verschränken.

 

Und will mir eine Rute streben
aus des Geflechtes Gängen,
so muss ich sie – wie mich das Leben –
mit sicherem Griff niederzwängen.“

 

Das heutige Flechthandwerk besteht heute ausschließlich aus Kunsthandwerk. Kunststoffprodukte haben den Gebrauch von geflochtenen Körben aus Weiden längst im Alltag abgelöst.

 

 Quellen:

Peter Albrecht u. Horst Wolniak Die Geschichte des Handwerks
Edmund Daus Spessart 1999
Paul Hugger Die Korbflechter
Deutsches Korbmuseum Michelau OFR.

Geschichte des Korbes

John Seymour Korbflechten
Otto Weber Altes Handwerk im Odenwald
Wikipedia

Geschichte der Korbflechterei

Korbweide

Manfred Kassimir Bilder und Text

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Mein Dank gilt auch Herrn Rudolf Stegemann aus Dieburg, der mir die praktische Seite des Korbflechtens näher brachte.

 

 

 

 

 
 

 

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