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Flachs und Hanf

und

die Odenwälder Leinweber


(von Manfred Kassimir)

 

Flachs und Hanf sind Kulturpflanzen, die seit über 6000 Jahren dem Menschen von Nutzen sind. Nachweislich wurde bereits vor 4000 Jahren in der ägyptischen Kultur Flachs- und Hanfanbau großflächig betrieben und aus dem gewonnenen Produkt Leinen (Linnen) herstellt. Flachs wird im Altgriechischen „Linon“ und im Lateinischen „linum“ bezeichnet.  Dieser Wortstamm wurde mit „Leinen“ in den deutschsprachigen Raum übernommen.
Durch die römische Kultur wurden der Flachs und das Hanf über die Alpen nach Nordeuropa gebracht.  So war auch die Landwirtschaft im Odenwald bis ins 20. Jahrhundert auf Selbstversorgung ausgelegt, was heißt, dass neben der Nahrungsmittelherstellung auch die Fertigung von Kleidung überwiegend in eigener Regie produziert wurde und somit neben den tierischen Produkten wie Leder und Wolle Flachs und Hanf eine wichtige Rolle spielten.

Leinen wird aus den Stängeln der Flachs- und Hanfpflanze gewonnen. Bis es zu dem Produkt „Leinen“ kommt, ist ein großer Arbeitsaufwand erforderlich.
Neben der Nahrungsmittelherstellung war Flachs und Hanf im Odenwald nur ein Produkt fĂĽr den Nebenerwerb, das den Landwirten in den Wintermonaten nach Deckung des Eigenbedarfs ein willkommenes Zubrot einbrachte.
Das Endprodukt „Leinenstoff“ ist ein sehr wertvolles Material. Das ist daran zu erkennen, dass im Odenwald Leinenstoffe unbedingt zur Aussteuer heiratswilliger junger Frauen gehörten und daraus nicht wegzudenken war.
Bis zum Aufkommen der Baumwolle, die über England aus der „Neuen Welt“ importiert wurde, war Leinen neben Leder und Wolle das einzige Material, das für die Herstellung von Kleidung geeignet war.
Die Grundlage fĂĽr die Herstellung von Leinen bildete Flachs und Hanf, weniger Brennnessel oder andere lang fasrige Pflanzen.
Flachs und Hanf sind einjährige Pflanzen, die auf leicht saurem Boden gedeihen. Der Samen wird um die Osterzeit auf dem Feld ausgebracht und im August geerntet.

So gab es auch im Odenwald Bräuche, die mit dem Flachs- und Hanfanbau in Zusammenhang zu bringen waren. So wurde z. B. in der Mitte des Feldes eine Stange aufgestellt, um erkennen zu können, wie hoch der Flachs/Hanf  bereits gediehen war oder die Mädchen mussten durch einen waagrecht gehaltenen Reifen springen, um anzudeuten, wie hoch die Pflanze im kommenden  Jahr  wachsen würde.
Flachs und Hanf unterscheiden sich darin, dass Hanf zweizellig, der Flachs dagegen nur eine einzellige Pflanze ist. Dieser Unterschied spielt bei der Ernte eine große Rolle. Bei Hanf wächst die männliche Zelle wesentlich schneller als die weibliche Zelle. Nach der Entsendung des Blütenstaubes hat die männliche Zelle ihre Aufgabe erfüllt und wird geerntet, wohingegen die weibliche Zelle bis zur Ernte sich noch weiter entwickeln kann. Der Hanf wird also  zweimal geerntet.
Während der Flachs eine Höhe von ca. 120 cm erreicht, kann der Hanf eine Höhe bis über 200 cm wachsen.


Das Raufen und Rösten


Ist die Erntezeit nach ca. 110 bis 120 Tagen erreicht, werden die Pflanzen gerauft. Gerauft heißt, dass die Pflanzen nicht mit Sense oder Sichel geschnitten werden, sondern mit dem Wurzelwerk aus dem Boden gezogen werden. Der nächste Arbeitsgang ist das „Riffeln“. Die geernteten Stängel werden über eine große Hechel gezogen und somit die Samenkapsel vom Stängel getrennt. Der Samen wird für die nächste Aussaat verwendet oder als Ölprodukt und Viehfutter verarbeitet. Der zurückbleibende Stängel wird dem nächsten Arbeitsschritt unterzogen. Dies kann auf verschiedene Arten erfolgen:

1 das Taurösten – Der Flachs/Hanf wird für längere Zeit auf dem Feld ausgebreitet und der Nachtfeuchte und dem Morgentau     

   ausgesetzt. Durch die Sonne werden die Stängel tagsüber wieder getrocknet.

2 Die Wasserröste – die Stängel verbleiben für 3 – 4 Tage in warmem Wasser.


3 Die Kaltwasserröste – die Stängel werden für mehrere Tage in einem flachen Teich ausgelegt.                         

4 Das Rösten – Die Trocknung kann auch über ein „Rösten“ erfolgen. Zur Röstung wird ein „Brechloch“ in Hanglage angelegt.

   Über das Loch wird ein Rost gelegt und darauf die geernteten Stängel ausgebreitet. Durch schwelendes Holzfeuer, dessen

   warmer Rauch über einen Kanal zu dem Brechloch geleitet wird, werden die Stängel gedörrt – das meist angewandteste

   Verfahren im Odenwald.


Durch die oben beschriebenen Verfahren wird ein biologischer Schritt eingeleitet, mit dessen Hilfe die später brauchbaren Fasern von Bast- und Holzbestandteilen getrennt werden.


Das Brechen


Der nächste Arbeitsschritt ist das Brechen der Stängel. Des Flachs/Hanfstängel werden leicht gebündelt auf einen Brechbock gelegt, dessen Unterseite aus zwei nach oben spitz zulaufenden Hölzern besteht. Das Gegenstück ist ein bewegliches, nach unten spitz zulaufendes Holz, das versetzt zu den fest stehendes Hölzern angeordnet ist. Durch Hebelbewegung wird das obere Holz nach unten gedrückt und dadurch werden die Stängel gebrochen.

Nach dem Brechen beginnt das Hecheln. Dazu werden die gebrochenen Stängel durch eine Hechel gezogen. Die Hechel ist ein Brett mit nach obenstehenden spitzen Zinken. Je nach Arbeitsfortschritt werden immer feinere Hecheln verwendet, bis die Fasern lang und fein in der Hand liegen. Im Odenwald ist der Ausdruck „Hecheln“ auch dafür bekannt, dass bei gemeinsamen Arbeiten über bestimmte Personen oder Ereignissen hergezogen wird. Die Person oder das Thema werden „durchgehechelt“.

Durch die vielfachen Arbeitsgänge werden die Fasern von Holz- und Bastrückständen getrennt, bis letztlich die langen Fasern geglättet zum Garnspinnen zur Verfügung stehen. Die Kurzfasern werden als Werg zusammen mit Fett als Dichtungsmaterial verwendet oder es diente als Matratzenfüllung.
Die gewonnenen langen Fasern werden zu einem Gespinst zusammengefasst, gebunden und sind so zum Verspinnen bereit.

 Das Verspinnen

Im Odenwald diente das Verspinnen der Fasern zu Garn nicht nur als Nebenerwerbsverdienst, sondern hatte auch eine soziale Aufgabe. So trafen sich in den Wintermonaten die jungen Mädchen in verschiedenen Haushalten und verspannen den Flachs/Hanf zu Garn. Zu dieser Arbeit gesellten sich im Laufe des Abends auch die jungen Burschen und so wurde nicht nur ernsthaft gearbeitet, sondern auch gesungen gelacht und getanzt. Dass sich hier auch die eine oder andere Verbindung ergab, dürfte als selbstverständlich anzusehen sein.
Das Verspinnen der Flachs/Hanffasern mit einer Handspindel ist bereits in der Antike belegt. Die Handspindel diente zum Verdrillen der Fasern zu einem Garn, das anschlieĂźend zum Weben von Leinen oder Tuch Verwendung fand.

 

Ab Beginn des 12. Jahrhunderts kam das Spinnrad als technisches Hilfsmittel zum Einsatz. Aus dem orientalischen Raum kommend verbreitete sich das Spinnrad über Europa und Deutschland.  Im Odenwald gehörte das Spinnrad bis ins 19. Jahrhundert zur Grundausstattung der Braut.
Das Spinnrad gibt es in vielen Variationen, deren Aufzählung den Rahmen dieses Aufsatzes sprengen würde. Aber alle Spinnräder haben eines gemeinsam – das Verspinnen von Fasern zu Garn.

In der Weberei gibt es zwei Begriffe, die zur wesentlichen Unterscheidung der gefertigten Stoffe beitragen. Das sind die „Tuchweberei“ und die „Leinenweberei“.
Die Tuchweberei verarbeitet bis zum Aufkommen von Baumwolle ausschlieĂźlich tierische Produkte, wie z. B. Schafwolle oder Wolle von Lama, Kamel oder Ziege.
Die Leinenweberei verarbeitet die Fasern von pflanzlichen Stoffen, wie z. B. Flachs, Hanf oder auch Brennnessel.
War die Tuchweberei in größeren Städten bereits in größeren Betrieben vorhanden, wurde die Leinenweberei mehr im ländlichen Bereich in Heimarbeit ausgeübt.
Die Eigenschaften von Leinen, was dieses so begehrt machte, waren die Haltbarkeit, Schmutz abweisend, flusenfrei und nicht anfällig gegen Bakterien zu sein. Leinen tauscht die Feuchtigkeit schnell mit der Umgebungsluft aus und bleibt dadurch kühl und dennoch trocken. Leinen ist unempfindlich gegen hohe Temperaturen.
Tuchgarn als auch Leinengarn werden vom Prinzip her gleichermaĂźen hergestellt. Durch Drehung des Spinnrades mit gleichzeitigem EinfĂĽhren der Faser wird dieses zu Garn verdrillt. Das feuchte Garn wird auf einer Haspel aufgewickelt und getrocknet.

 Das Weben


Der Kettfaden wird auf dem Webrahmen fest verspannt. Der Schussfaden ist auf einer Spule aufgewickelt und wird in das sogenannte „Schiffchen“ eingesetzt. Das Schiffchen befindet sich im rechten Winkel zum Kettfaden. Durch den Weber wird das Schiffchen durch die Kettfäden hindurch geschossen, wobei die Kettfäden in wechselnder Reihenfolge durch die Litzenstäbe nach oben, bzw. nach unten gedrückt werden. Diese Webart wird als Leinwandbindung bezeichnet.

Ein Sprichwort besagt, dass der Flachs/Hanf von der Aussaat bis zum fertigen Faden neunmal durch Menschenhände gegangen ist.
Um das gewebte Leinen in den Handel bringen zu können, waren gewisse Normen einzuhalten, die von der Landesverwaltung festgelegt wurden. Dieses Maß wurde als „Elle“ bezeichnet.

Aus der Weberei ging ein Berufsstand hervor, der sich bereits 1496 in einer Weberzunft zusammenschloss. So wurde es zur Tradition, dass nach dem Ende der Lehrjahre der Geselle für 3 Jahre und 1 Tag auf Wanderschaft gehen musste, um sich anschließend selbstständig machen zu können.  Im Odenwald wurde erst 1609 durch den Grafen Friedrich Magnus Erbach zu Erbach eine Zunftordnung erlassen, die die Wanderschaftsjahre auf 2 Jahre begrenzte.

Im Odenwald wurde überwiegend Flachs und Hanf in Heimarbeit zu Leinen verarbeitet. Fast in jedem landwirtschaftlichen Anwesen war ein mechanischer Webstuhl zu finden. Durch die fortschreitende Industrialisierung wurde auch die Weberei in Heimarbeit oder als Lohnarbeit stark bedrängt, sodass viele auf ihr Zubrot verzichten mussten oder sogar Berufsexistenzen zunichte gingen. Diese Situation wurde als Drama „Der Weberaufstand“ von Gerhart Hauptmann ausführlich beschrieben.
Die Bedeutung der Weberei macht ein von UNBEKANNT gemachtem Ausspruch deutlich:

 

„Der Mensch kommt nackt zur Welt und wird in das erste Tuch, die Windel, gewickelt. Das letzte Tuch, das der Mensch in seinem Leben trägt, ist das Leichentuch!“.

 Quelle:

Dr. Peter Albrecht u.
Horst Wolniak

Die Geschichte des Handwerks

 

U. Beckenhaupt Leineweber – Heimatbuch Bad König
Bettina Bergstedt

Mit Schuss und Schiffchen – Darmstädter Echo 12.12.2017

Horst Bormuth

Sammlung der Volkskunde im Hessen 11-15 – Flachsbereitung im Odenwald

Festschrift 600 Jahre Hembach


Schnellertsbericht 2004 -Flachs und Hanf im bäuerlichen Tagwerk

Leonhard Draschl

Medienscheune

Ernst Franz

Die Heimat – Tuchmacherei im Odenwald

Heinz-Otto Haag

Gelurt 2015

Egon Heger

You Tube TV

Friedrich Maurer

Unser Odenwald

Friedrich Mössinger

Odenwälder Handwerkszeichen

Konrad Neumann

Volk und Scholle 1937

Reinhold Reith

Lexikon des Alten Handwerks

Heinz Reiz

Geschichtsblätterkreis Bergstraße

Willi Sander

You Tube TV

 

Max Schlicht

Die Heimat 1971 – Die Flachsverarbeitung im Odenwald

 

John Seymour

Vergessene KĂĽnste

 

Hans Joachim Trautmann

Tuchmacher und Leineweber – Odenwaldheimat

 

Wiebke Truelsen

Flachs

 

Margarete Wagner

Das Handwerk um 1700

 

Otto Weber

Altes Handwerk im Odenwald

 

Wikipedia

Flachsfaser

 

Manfred Kassimir

Text und Bilder