Das Odenwälder Seilerhandwerk

(von Manfred Kassimir)

Das Seilerhandwerk ist im wahrsten Sinne „uralt“. So ist das Seil das gängigste Hilfsmittel des Menschen, seit dieser sich durch seine Entwicklung vom Tier unterscheidet. Es konnten Seilstücke ausgegraben werden, die 3300 Jahre vor unserer Zeitrechnung im antiken Ägypten in Gebrauch waren. Alte Wandbilder verweisen darauf, dass der Beruf des Seilers eine angesehene Stellung im Sozialleben des Menschen einnahm. Seile kamen schon bei der Erbauung der ägyptischen Pyramiden zum Einsatz.
Marathon war der Mittelpunkt des Seilerhandwerks im alten Griechenland und die Städte Capua und Casium waren die Zentren des römischen Imperiums, wohingegen nördlich der Alpen die Epoche zur Zeit „Karl des Großen“ nachweislich diese Berufssparte Einzug gehalten hatte.
Das Seil, auch Strick, Schnur, Garn oder Tau, je nach seinen Erfordernissen benannt, hat zur Fortentwicklung der Menschen erheblich beigetragen.
Ohne das Seil ist weder die Landwirtschaft oder das Handwerk denkbar. Auch die Industriealisierung ist ohne Seil nicht vorstellbar. Überall, wo der Mensch arbeitet oder etwas erschafft, ist das Seil zugegen. Es ist so gegenwärtig, dass die Notwendigkeit dieses Hilfsmittel gar nicht mehr bewusst wahrgenommen oder gar erkannt wird. Das Seil wird einfach in Anspruch genommen, weil es erforderlich und immer greifbar ist. In den Anfängen der Seilherstellung wurde auf die von der Natur vorhandenen Pflanzenfasern zurückgegriffen. Das waren die Grundstoffe Flachs, Hanf, Kokos, Manila, Sisal oder später Baumwolle.
Waren an der Küste die „Reep Schläger“ zugange, wurden die Seile im Landesinneren durch den Seiler hergestellt.
Es gibt verschiedene Arten von Seilen:
Das Tau – wird in der Schifffahrt genutzt.
Der Strick – ist ein kurzes flexibles dünnes Seil
Die Kordel – ist ein sehr dünnes Seil zum Binden.
Aber alle Seile haben eines gemeinsam: Sie werden von einem Seiler nach der Kunst des Seilerhandwerks hergestellt.
Das Seilerhandwerk war ein Ausbildungsberuf und wurde durch die Seilerzunft vertreten, die bestimmte Anforderungen an die Ausbildung zum Seiler erließ. Hierzu zählte die dreijährige Wanderschaft der Gesellen. Eine Verordnung der Seilerzunft besagte, dass der Geselle 14 Tage vor der Weiterwanderung dies seinem Meister anzukündigen hatte. Dem Seilermeister selbst war es untersagt, 14 Tage vor hohen Feiertagen, dazu zählten Weihnachten, Ostern und Pfingsten, dem Wandergesellen den Abschied zu geben.
Der Geselle arbeitete bei „Freier Kost und Logie“ für 8 Groschen als Wochenlohn.
Dem Seilerhandwerk wurden viele Lieder gewidmet. Hier wird der Liedtext eines Liedes wiedergegeben:
Das Seilerlied
Immer lustig, immer munter
Ist der Seiler ihr Gebrauch
Bahne rauf und Bahne runter.
Jede Arbeit hat ihr`n Lauf.
Schon gefärbt sind uns`re Wangen,
jedes Mädchen hat uns gern.
Jede wartet mit Verlangen,
jede möchte ein`n Seiler gern.
Wenn noch alles liegt im Neste,
wissen Seiler nichts davon.
Da sind sie schon ganz taktfest,
auf der Bahn spinnt man schon.
Auf der Bahn spinnt man wirklich
Bald auf kurz und langes MaĂź.
Da liegt Schuster, Schneider, Töpfer
Alles noch in tiefem Schlaf.
Unser Handwerk geht nicht unter,
Seiler mĂĽssen immer sein.
Drum seid lustig BrĂĽder und munter,
schenkt volle Gläser ein,
trinkt mit mir, ihr lieben BrĂĽder,
legt eure Sorgen nieder,
trinkt aus, schenkt neu ein,
Seiler mĂĽssen immer sein.
Im Odenwald, überwiegend in Erbach und Beerfelden, wurden Seile aus Hanf oder Flachs hergestellt. Auch die ansässigen Landwirte betrieben eine Seilherstellung, aber nur für eigene Zwecke. Über die Winterzeit, wo die Arbeit in der Landwirtschaft noch Zeit für andere Beschäftigungen zuließ, schlugen die Bauern ihre Gebrauchsstricke mit einfachen, selbst hergestellten Arbeitsgeräten. Für hochwertige Seile griff auch der Landwirt liebend gerne auf die ausgebildeten Seilhandwerker zurück.
Der Seiler als Handwerksberuf arbeitete das ganze Jahr über an der Herstellung seiner verschiedenen Seile, je nach den Bedürfnissen seiner Abnehmer. Sein Arbeitsplatz hatte eine Länge von 80 – 240 Meter und wurde „Reeperbahn“ genannt. Es wurden dünne, dicke, lange, starre oder flexible geformt. Seil bleibt aber Seil, auch wenn die Herstellung unterschiedlich ist.
Das Seil selbst wurde je nach erforderlichem Gebrauch hergestellt. So wurden dünne Seile oder Stricke für die Landwirtschaft benötigt, die flexibel waren, so z. B. Erntestricke, Peitschenschnüre, Wäscheleinen.
Stärkere Seile wurden für Tiergespanne, Wagenseile oder Aufzugstricke benötigt. Auch die Schifffahrt benötigte Seile, Tau genannt, um die Schiffe mit dem Nötigsten auszurüsten.
So entstand an der Küste ein eigener Handwerkszweig, der speziell für die Schifffahrt Taue herstellte. Dieser Berufszweig nannte sich „Reeper“ oder „Reepschläger“ und die Seile wurden auf der „Reeperbahn“ geschlagen. In Hamburg weist ein eigenes Viertel, die „Reeperbahn“ auf die Seilherstellung hin. Die „Reeperbahn“ dort ist die heutige Amüsiermeile Hamburgs.

Das Grundmaterial, z. B. Hanf, wurde nach der Ernte mehrere Tage gewässert und anschließend getrocknet. Nach der Trockenphase wurde der Hanf mit einer Breche gebrochen, so dass sich die Fasern vom Holz lösten. Der gebrochene Hanf wurde über einen Dornenbrett gezogen. Die Holzteile blieben zurück und die gewonnenen Fasern konnten zu Garn verarbeitet werden.
Der Seiler schlang sich nun ein Bündel Fasern um den Leib oder legte die gehechelten Fasern in seine hochgesteckte Schürze, Schlüpfer genannt. An einem freien Ende bildete er aus dem Fasermaterial eine Öse, die er an einem Haken des Spinnrades einhängte. Während der Seiler rückwärts ging, drehte ein Gehilfe das Spinnrad. Je nach Drehrichtung wurde die Drillrichtung vorgegeben. Beim rückwärts Gehen achtete der Seiler darauf, dass er immer gleichmäßig das Hanf aus seiner Schürze zugab. Das so gesponnene Garn, auch Litze genannt, wurde auf einer Haspel aufgewickelt. Aus diesen Litzen wurden, je nach Seilstärke, 3-4 Stränge in ein Seilgeschirr mit beweglichen Haken, den sogenannten „Warbel“, eingehängt. Am anderen Ende befand sich ein beweglicher Schlitten mit einem Haken. Die zu verarbeitenden Litzen wurden zwischen Schlitten und den gegenüberliegenden Warbel gespannt. Die Warbel wurden von dem Gehilfen nun in die entgegengesetzte Richtung wie zuvor gedreht. War genügend Spannung auf den Strängen, wurde die dazwischen gespannte „Lehre“ langsam auf das Geschirr zubewegt. Dadurch wurden die Stränge zu einem Seil verdrillt. Je nachdem, wie viel Litzen benutzt wurden, umso stärker wurde das spätere Seil. Die beiden Seilenden wurden abgebunden, so dass ein Aufspleißen verhindert wurde.
Ein Ausspruch über den Bewegungsablauf des Seilers ist von „Spöttern“ überliefert:
„Nur beim Rückwärtsschreiten
Bilden sich die Litzen zwei- bis vierfach
Schlingen sich zur Fadenstärke.
So gewinnt der Meister kundig,
rückwärts – vorwärts
sein Gewerbe.“
Um die Seile reißfester zu machen, wurde beim Verdrillen Lederriemen, und später, Draht mit eingearbeitet.
Die Seile wurden je nach Schlagrichtung gekennzeichnet:
S-Schlag – steht für Linksdrill
Z-Schlag – steht für Rechtsdrill.

Mit den entsprechenden Kleinbuchstaben wird die Drillrichtung der Litzen bezeichnet. Werden mehrere Litzen in gleicher Richtung geschlagen, bleibt das Seil flexibel und biegsam. Werden die Litzen entgegen ihrer Drillrichtung geschlagen, wird das Seil steif. Dickere Seile (Trossen) werden aus mehreren Seilen verdrillt.

Seilerei im Odenwald
In Erbach gründet 1845 Martin Gerbig ein Seilergeschäft und betrieb dieses Handwerk bis zu seinem Tod 1902. Ab diesem Zeitpunkt übernahm der Enkel des Gründers, Karl Gottfried Volk, dessen Gewerbe. Er arbeitete bis zu seinem Tod 1962 in diesem Beruf. Der Gewerbebetrieb wurde am 07.03.63 an Sofie Mohr geb. Volk übertragen, die den Betrieb bis 1988 weiter führte und ihn anschließend an ihren Sohn Kurt Mohr übertrug. 1995 feierte die Seilerei Volk, Inh. Kurt Mohr, ihr 150-jähriges Bestehen. Kurt Mohr betrieb das Seilerhandwerk noch längere Zeit nebenberuflich und war für öffentliche Vorführungen auf den Odenwälder Märkten vertreten. Mit Erreichen seiner Altersgrenze stellte er auch diese Tätigkeit ein.
Das ursprüngliche Seilergeschäft befand sich in der Hauptstraße 24 in Erbach. Das Anwesen wurde bereits 1970 niedergelegt. An das hier ansässige Handwerksgewerbe erinnert nur noch das Straßenschild „Seilergasse“.
In Beerfelden existierten insgesamt drei Seilergeschäfte. Jakob Körber war hier der Letzte seiner Zunft, der noch 1982 seinem Gewerbe nachging. Auch hier wurde der Berufsstand von der industriellen Herstellung von Seilen eingeholt und die Seilherstellung in handwerklicher Form wurde am 31. 03. 1985 aufgegeben. War die industrielle Seilherstellung zunächst an dem Seilerhandwerk vorüber gegangen, entwickelte sich diese im Verlaufe des 1. Weltkrieges und der damit einhergehenden Kontinentalsperre so rasant, dass das Handwerk der Seilerei nicht mehr konkurrenzfähig war.
Auch der Fortschritt in der Materialentwicklung machte vor dem Seilerhandwerk keinen „Halt“. Zu den natürlichen zu verarbeitenden Fasern gesellten sich synthetische Fasern mit besonderen Eigenschaften:
Polypropylen - leicht, Chemikalien- und Wasserfest
Polyamid - hohe Festigkeit und Dehnfähigkeit
Polyester - hohe Festigkeit und beständig gegen Witterungseinflüsse
Polyethylen - hohe Bruchfestigkeit, leicht und schwimmfähig, temperaturbeständig.
Das Seilerhandwerk war ein Beruf mit Zunftregeln und besaĂź ein entsprechendes Zunftwappen.
In der Kreismitte befindet sich der Anker, da die Schifffahrt für die Seilherstellung eine wichtige Rolle spielte (Reepe). Der Rechen im mittleren Kopfteil übernimmt die Aufgabe des Ziehens von langen Seilen. Die beiden Kurbeln rechts und links symbolisieren das Drehen des Geschirrs mittels Haken. Über die Verbindung Herz und Seil – Liebe und Bindung, muss der Betrachter selbst zu einem Ergebnis kommen.

Quelle:

Ilja AuĂźner Die Herstellung von Seilen im Mittelalter
Fr. K. Azzolat u. H. Bormuth Ein Spinnhaken der Seiler
Heinr. Berger u. Fritz Worne Beerfelden – Wandel der zeiten Bd. 1
Heinz Bormuth u. Joh. Dörr Bäuerliche Seilerei in Asbach/Odw. Zeitschrift des Breubergbundes
Abraham und Saneta Clara Handwerk um 1700
Hanf-Museum Berlin Seilerei
Kreisarchiv Odw.-Krs. Die Heimat 6/1952 S. 3-4
Dr. Friedrich Mauerer Unser Odenwald
Norbert Mischlich Geschichtsbl. Krs. Bergstr. Bd. 39/2006 S. 273
Kurt Mohr Seilerwerkstatt – Breubergmuseum
Jörg Nadler Historische Fischer
Claudia Sosniak Geschichtsbl. Krs. Bergstr. Bd. 42/2009
Wikipedia Seil
Adolf Zeller Volk und Scholle Bd. 1931/3
Mein besonderer Dank gilt Herrn Kurt Mohr, der mir selbstlos seine gesammelten Unterlagen zur Einsichtnahme zur Verfügung stellte und dem Breubergmuseum für die Möglichkeit der Fotoaufnahmen.