Die Odenwälder Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden
die „Schellekattel“


(von Manfred Kassimir)

Das Reisen war in der „Guten alten Zeit“ recht beschwerlich und langsam. Postkutschen, Familienwagen oder „Auf Schusters Rappen“ waren die Regel. Zum Transport von Waren wurden die Kiepe auf dem Rücken oder Tragetiere (Esel) genutzt.
Das änderte sich schlagartig, als in England die Dampfmaschine erfunden wurde und somit das Industriezeitalter anbrach. Die Weiterentwicklung der Dampfmaschine bis zur ersten Lokomotive ließ nicht lange auf sich warten.
In Deutschland, wo man zunächst nur zögerlich an der neuen technischen Errungenschaft teilnahm, wurden die Vorteile der Technik dann doch erkannt und so wurde eine erste Eisenbahnstrecke, die Strecke Nürnberg – Fürth, 1835 mit dem Feuerroß „Adler“ in Betrieb genommen.
Der technische Fortschritt war nicht mehr aufzuhalten, zumal dessen wirtschaftliche Entwicklung an Bedeutung gewann.
Schon in der Mitte des 19. Jahrhunderts wurde durch eine herausragende Pionierleistung der Eisenbahnbauer der flächendeckende Ausbau des Schienennetzes vorangetrieben. Der Odenwald war in kurzer Zeit von Schienenwegen im Rhein-Main-Neckargebiet umgeben. Für den Bereich des Odenwaldes war zunächst keine Trassenführung vorgesehen.
Um an der wirtschaftlichen Entwicklung teilnehmen zu können, bildeten sich im Odenwald örtliche Komitees, mit dem Ziel, auch an dem technischen und wirtschaftlichen Fortschritt teilnehmen zu können.
So wurde zum Jahreswechsel 1860/61 durch den Landkreis Erbach der Antrag zum Bau einer Odenwaldbahn durch das MĂĽmlingtal gestellt. Auch das Eisenbahnkomitee Beerfelden schloss sich diesem Antrag mit der Forderung an, dass die Eisenbahntrasse ĂĽber Beerfelden nach Hirschhorn fĂĽhren sollte.
Dem Antrag zum Aufbau einer Odenwaldbahn wurde stattgegeben, die TrassenfĂĽhrung ĂĽber Beerfelden wurde aber abgelehnt.
Am 01.05.1882 wurde die einspurige Odenwaldbahn von Erbach nach Eberbach offiziell eröffnet. Die Gleisanlage führte durch den 3,1 Kilometer langen Krähbergtunnel.
Trotz des Ablehungsbescheids, die Odenwaldbahn an Beerfelden vorbei zu führen, ließ das Eisenbahnkomitee Beerfelden in seinen Bemühungen nicht nach, weiter für einen Bahnanschluss Beerfelden zu kämpfen. So wurden verschiedene Varianten ins Gespräch gebracht:
a ) eine Strecke Hetzbach – Beerfelden – Worms, mit Anbindung kleinerer umliegender Ortschaften b ) eine Strecke Hetzbach – Beerfelden – Airlenbach – Falken Gesäß – Finkenbach – mit Anschluss an die Neckarbahn bei Hirschhorn.
Alle eingebrachten Eingaben führten aber lediglich zu einem kleinen Teilerfolg. Im Januar 1898 wurde ein Antrag zur Einrichtung einer Nebenstrecke Hetzbach – Beerfelden bewilligt.
Mit diesem Teilerfolg vergingen noch zwei weitere Jahre, bis die Finanzierung für eine „Schmalspurbahn“ stand.
Die SĂĽddeutsche Eisenbahngesellschaft (SEG) legte aber zur Planung einer Schmalspurbahn ihr Veto ein und forderte die Umplanung der Trasse auf eine Normalspurbahn.
Dieser Forderung wurde stattgegeben, unter der Voraussetzung, dass sich die Stadt Beerfelden an den Mehrkosten beteiligen wĂĽrde. Dazu war die Stadt Beerfelden bereit. So kam es, dass nach Jahrzehnten langen BemĂĽhungen um einen Bahnanschluss Beerfeldens, wenn auch nur zum Teil, in ErfĂĽllung gingen. Die Planung einer einspurigen Normalspurbahn konnte in Angriff genommen werden.
Am 21.05.1902 kam mit der amtlichen Bewilligung auch der Konzessionsvertrag zur Betreibung der Strecke fĂĽr 50 Jahre mit der SEG zustande.
Die Verwirklichung des Ausbauplans brachte erhebliche Schwierigkeiten mit sich. Beerfelden liegt auf einem Hochplateau des südlichen Odenwälder Mittelgebirges. Der Höhenunterschied zwischen Hetzbach und Beerfelden beträgt 80 Meter.
Die Luftlinie zwischen Ausgangsbahnhof Hetzbach und dem Bahnhof Beerfelden betrug 2700 Meter während die zu bewältigende Gesamtstrecke mit 5100 Meter geplant war. So kam für die Trassenführung lediglich ein serpentinenartiger Anstieg in Betracht.
Bei der Klärung der Eigentumsverhältnisse der tangierten Grundstücke kam es zu erheblichen Widerstand mit Grundstückseignern, die nicht immer gütlich beigelegt werden konnten. Es kam zu fünf Enteignungsverfahren.
1903 war die Planung abgeschlossen und mit der praktischen AusfĂĽhrung des Ausbaus konnte begonnen werden.
Die Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden wurde mit Wirkung zum 31.04. 1904 eingeweiht und zum 01. 05. 1904 der Öffentlichkeit übergeben.
Der letzte Postkutschenfahrer (Christian), der die Poststrecke Beerfelden – Hetzbach bediente, fuhr am Eröffnungstag der Bahnnebenstrecke letztmalig mit seiner Postkutsche die gewohnte Strecke. Mit seinem Posthorn schmetterte er für alle Bürger deutlich vernehmbar die Melodie

„Muß I denn zum Städtele hinaus“.

Damit war die Ära der Postkutschen auch im Odenwald zu Ende. Die Postkutschenfahrer wurden alle als Briefträger weiterbeschäftigt. Die Nebenstrecke hatte auf ihrer Gesamtlänge von 5,1 Kilometern insgesamt 16 öffentliche Straßen und Wege zu queren. Die für die Strecke erlassenen Sicherheitsbestimmungen gaben vor, dass vor jeder Querung einer öffentlichen Straße oder Weges ein akustisches Warnsignal zu ertönen hatte. Dieses akustische Signal bestand in
einem langgezogenen Pfeifton und dem Ertönen einer Glocke, im Odenwald „Schelle“ genannt. Die Abstände zwischen den einzelnen Querungen lagen so dicht beieinander, dass die Dampflokomotive die ganze Strecke fast ohne Signalpause zurück legte und so das Pfeifen und Bimmeln der „Schelle“ nahezu ununterbrochen weithin hörbar war. Dem Geräuschpegel der Glocke verdankt die Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden dem im Volksmund gebräuchlichen Namen „Schelle-Kattel“, wobei das Wort „Kattel“ für den Vornamen „Katharina“ stand.
Eine „Katharina“ aus Beerfelden war es, die zu vergangenen Zeiten ihre Gänse mittels einer „Schelle“ durchs Dorf ziehend zusammen rief, um diese auf die öffentliche Weide zu treiben.
Die „Schellekattel“ legte reichlich geschmückt und mit Personen des öffentlichen Lebens besetzt erstmals ihre 5,1 Kilometer lange Strecke von Hetzbach nach Beerfelden zurück. Ein schmückendes Transparent trug die Aufschrift:

„Hoffen, Sehnen, Ringen – führten zum Gelingen!
Ausgeführt ist nun der Plan – Beerfelden hat Normalspurbahn!“


So hatte die Stadt Beerfelden nach jahrzehntelangen Kampf einen Anschluss an den öffentlichen Personennahverkehr und auch die Möglichkeit ihre ortsansässigen Kleinindustrie, wie z. B. die Tuchmacher, Bürstenmacher, Füllfederhalterhersteller als auch Eichenrindentransporte (Renneklopper) zu bedienen..
Die Fahrzeit eines normalen Zuges wurde mit 14 Minuten veranschlagt. Waren noch zusätzliche Wagons für das Stückgut angekoppelt, verlängerte sich die Fahrzeit auf 17 Minuten.

Der Betrieb der Nebenbahn verlief nicht immer reibungslos und ohne Zwischenfälle.
Am 23.05.1904 - kurz nach der Inbetriebnahme der Strecke legte der Lokführer in Hetzbach versehentlich den Rückwärtsgang ein. Der Zug fuhr über das Gleisende hinaus und blieb an einem Baum hängen. Es kam zu keinem Personenschaden. Die Passagiere verweigerten die weitere Mitfahrt und gingen zu Fuß nach Beerfelden.
-      Im Winter 1940/41 wurde die Lokomotive, bedingt durch Schnee und Eis, aus der Gleisanlage gedrückt, kippte um und rutschte einen Hang hinunter. Nur mittels eines schweren Kranes konnte die Lokomotive geborgen werden.
-      Im Sommer 1951 wurde die Gleisanlage durch ein Unwetter stark mit Geröll überspült. Auch hier wurde die Lokomotive aus dem Gleis gedrückt und stellte sich quer. Rottenarbeiter konnten die Lokomotive wieder in das Gleisbett hebeln.


Im Verlaufe ihrer gesamten Betriebszeit blieb die Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden immer ein Zuschussbetrieb. Im Schnitt beförderte die „Schellekattel“ zwischen 70.000 – 90.000 Personen und 20.000 – 25.000 Tonnen Güter pro Jahr.
Der Nebenstrecke standen 2 Lokomotiven, ein Personenwagen, ein kombinierter Personen- und Gepäckwagen sowie ein Postwagen zur Verfügung.
Aufgrund der vereinfachten BetriebsfĂĽhrung wurde die personelle Ausstattung in Personalunion ausgeĂĽbt.
So nahm der Lokführer noch die Betriebsführung des Zugführers wahr, der Heizer die Rangiertätigkeit.
Der Fahrdienstleiter war gleichzeitig Abfertigungsbeamter und für den Güter- und Gepäckverkehr zuständig.
Die technische Instandhaltung der Lokomotiven und der Wagons, sowie die personelle Ersatzgestellung, wurde von der Reinheimer – Reichelsheimer Bahn (Odenwälder Lieschen) übernommen.
Mit dem Stichtag 01.01.1954 hatte die Hetzbacher – Beerfelder Nebenbahn 8 Angestellte und 5 Arbeiter.
Die Erwartungen die in das Betreiben der Nebenstrecke gesetzt wurden, erfüllten sich nicht. So sah sich der Betreiber der Bahn, die SEG, gezwungen, ihre bis zum 31.05. 1954 laufende Konzession nicht mehr zu verlängern.
Das Land Hessen, zwischenzeitlich verantwortlich für den Nebenbahnbetrieb, verweigerte die Übernahme des Gesamtbetriebes mit dem Hinweis auf die defizitären Prognosen. Auch die Deutsche Bahn war aus den gleichen Gründen nicht bereit, die Strecke unter ihrem Namen fortzuführen.
So fuhr der letzte Personenzug auf der Nebenstrecke Hetzbach – Beerfelden am 31. 05. 54 unter großer Anteilnahme der Bevölkerung letztmalig die Strecke Hetzbach – Beerfelden. Der Zug war mit schwarz-rot-goldenen Bändern, Grünzweigen und Trauerflor geschmückt. Auf einem großen Spruchband war zu lesen:
„Die letzte Fahrt – schad!“
Die Stadt Beerfelden wollte aus wirtschaftlichen Gesichtspunkten nicht auf den Bahnanschluss verzichten und entschloss sich, die Nebenstrecke in eigener Regie fĂĽr den Warenverkehr zu ĂĽbernehmen.
So wurde die Bahnstrecke Hetzbach – Beerfelden zur Privatbahn der Stadt Beerfelden. Die Kosten zur Übernahme der Bahnstrecke beliefen sich auf 130.000 DM ohne rollendes Material. Dieser Betrag wurde durch die Stadt Beerfelden, der Wirtschaft, sowie Vereinen und Privatpersonen in Form von Schuldverschreibungen mit einer Laufzeit von 5 Jahren aufgebracht.
Für 2 Beerfelder Betriebe war der wirtschaftliche Faktor von so großer Bedeutung, dass Privatgleisanschlüsse zur Nebenbahn angelegt wurden. Dies waren der Sägewerkbetrieb Weber, Germann und die Fa. Tröster, die den Transport von zur Gerbung von Leder benötigten Eichenrinde (Renneklopper) abwickelte.
Ab 1954 wurde die Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden für den Güterverkehr von der DB im Namen der Stadt Beerfelden bedient.
Der Bahnverkehr verlief weiterhin reibungslos bis zum 23. 06. 1964. An diesem Tag kam es zu einem folgenschweren Unfall. Auf freier Strecke entgleiste ein GĂĽterwagen und die Nebenbahnstrecke musste gesperrt werden.
Dieser Vorfall wurde zum Anlass genommen, das Vertragsverhältnis zwischen der Stadt Beerfelden und der Deutschen Bahn zu lösen. Somit hatte die Bahnstrecke Hetzbach – Beerfelden aufgehört zu existieren.
Nach der Vertragsauflösung wurde das Bahnareal als Bauland verkauft oder in Flur- und Radwege umgewidmet.
An die „Schellekattel“ erinnert heute nur noch das Bahnhofgebäude in Beerfelden mit der angeschlossenen Güterhalle. Andere Anhaltspunkte sind nicht mehr feststellbar.
Die Schellekattel
(von Hans MĂĽller)
Vun Hetschboch nuffzuss bis Berfelle
Is mit Gebimmel un Geschelle
Doomols, wie mer noch jinger warn,
als die Schellekattl gfahrn.
Schlinggrund hinnre, Schlinggrund her,
mit Gerumbel, Gstöhn und Krach
is se dorch die Walterbach
bis zur „Stadt am Berg“ gekrawwelt
un hott sich fascht doud gezawwelt.
„Heit dout ehr souwieso net eile,
weil vellig leer sin die Abteile;
wäje meer mißt ehr net fahrn,
do kennt ehr die Koschte sparn.“
„Sou gesehe, sieht mer schief!
Do is neemlich noch en Brief,
wo wird eilig transportiert.
Also, Fraache, net geniert,
roi ins Coupè! – Bimmle, Schelle!
Ab zum Hauptbahnhouf Berfelle!“
In Hetschboch is e Fraa mol kumme,
die wo mer geern hätt mitgenumme,
weil se öfters mit de Bahn
is nuff noch Berfelle gfahrn.
„Fraache, kumm! `s is häigsschte Zeit,
sin zur Abfahrt schunn bereit!“
„Ich hab`s eilig!“ säigt se druff,
„drum laaf ich de Houhlweg nuff;
Doch runnerzuss dutt`s net pressiern,
do kann ich dann mit aich kutschiern.

Quelle:

Heinrich Berger u. F. Wörner Beerfelden im Wandel der Zeiten
Bernd Bergmann SĂĽWo
Dr. W. Borchmeyer 40 Jahre SĂĽddeutsche Eisenbahngesellschaft
Akademischer Arbeitskreis Schienenverkehr e. V.
Ulrich Anton Podcast HR 4
Darmstädter Echo Großer Bahnhof für kleines Bähnchen (30.06.2014)
T. Hanna Daoud Die Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden „Kathi geht“
Georg Dascher Nebenbahn Hetzbach – Beerfelden
Dorfchronik Hetzbach 650 Jahre Hetzbach
Iris Thierolf Musical „Schellekattel“
Adolf Trautmann Die Nebenbahn – Museum Oberzent
Wikipedia Bahnstrecke Hetzbach - Beerfelden
Esther Wilka Oberzent-Schule Beerfelden
Insbesondere möchte ich Herrn Adolf Trautmann und den Ehrenamtlichen des Museums Oberzent – Beerfelden für ihre Unterstützung danken. Herr Trautmann stellte auch die in diesem Aufsatz mitverwendeten Bilder der „Schellekattel“ zur Verfügung. Ohne diese Unterstützung wäre die Erstellung dieses Berichtes nicht möglich gewesen. Ebenso ist Herrn Helmut Ullrich von der Stadtverwaltung Beerfelden für seine persönliche Unterstützung zu danken.